Monets Küste
Aus den Brandungswellen des Atlantiks erheben sich imposante Felstore: Der kleine Ort Étretat am Ärmelkanal besticht durch seine atemberaubende Naturkulisse. Schon im 19. Jahrhundert zog es zahlreiche Künstler und Reisende an die raue Küste der Normandie. Das einst abgeschiedene Fischerdorf Étretat verwandelte sich zum Touristenparadies und wurde zum Schauplatz der Erneuerung der Malerei.
Namhafte Künstler – von Eugène Delacroix und Gustave Courbet bis zu Henri Matisse – übersetzten ihren Natureindruck in faszinierende Kunstwerke. Besonders Claude Monets impressionistische Darstellungen spiegeln den Wandel von Étretat: Ihre mitreißende Wirkung lässt die Geschichte von Monets Küste lebendig werden.
„Es gibt [in Étretat] viel zu malen für einen Maler, und viel zu träumen für einen Dichter.“
Bei Sonnenschein glänzt die hohe Steilküste weiß im Licht: Dreißig Kilometer von Le Havre entfernt, zwischen den Mündungen der Seine und der Somme gelegen, ist Étretat mit seinen einzigartigen Felsformationen ein berühmter Sehnsuchtsort.
Übertourismus
Einst ein vergessener Ort der Provinz, heute heimgesucht von den neuesten Formen des Massentourismus: Das ohnehin beliebte Reiseziel Étretat wurde jüngst in dem Serienhit eines Streamingdienstes porträtiert. Über eine Million Besucher aus aller Welt drängen nun jährlich in das 1200-Seelen-Dorf. Die Handlung der Serie ist an die berühmten Erzählungen rund um den Meisterdieb Arsène Lupin angelehnt – eine klassische Figur der französischen Literaturgeschichte. Deren Autor Maurice Leblanc (1864–1941) kaufte 1918 eine Villa inmitten von Étretat und benannte sie nach seinem Romanhelden.
Der Wunsch vieler Fans, in die Welt ihrer Lieblingsserie abzutauchen, bringt für den kleinen Ort das Fass zum Überlaufen: Denn die Menschenströme führen zum Übertourismus und gefährden die fragile Küstenlandschaft. Seit Mai 2025 ist der Zugang zu den ikonischen Felstoren wegen starker Erosion weitestgehend gesperrt.
Das Lichtspiel auf den Kreidefelsen von Étretat bietet eine scheinbar unerschöpfliche Vielfalt an Impressionen: Porte d’Amont, Porte d’Aval und Manneporte – so lauten die Namen der drei mächtigen Felstore, die nicht nur Claude Monet inspirierten.
„Wenn ich einem Freund zum ersten Mal das Meer zeigen müsste, würde ich Étretat wählen.“
Raue Schönheit
Der Strand eines charmanten Fischerdorfes, gerahmt von einzigartigen Felsen: Was Claude Monets Gemälde in der hellen Farbigkeit und lockeren Malweise des Impressionismus zeigt, hatte bereits Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Besucher von Étretat begeistert.
Monet schildert 1883 hübsche, bunte Fischerboote vor dem Hintergrund der Porte d’Amont. Schon damals vergleicht der Schriftsteller Guy de Maupassant (1850–1893) den mehrfach gewölbten Felsbogen nordwestlich von Étretat mit einem „riesigen Elefanten, der aus dem Meer trinkt.“
Mehrere Künstlergenerationen waren von den mächtigen Kreidefelsen fasziniert: Knapp 100 Jahre vor der Entstehung von Monets Gemälde hatten erste Maler ihren Weg in das abgeschiedene Küstendorf gefunden. Die frühesten Darstellungen Étretats kündigen Ende des 18. Jahrhunderts einen kulturellen Wandel an: Die Naturerfahrung – das Staunen angesichts landschaftlicher Schönheit – entwickelte sich zum Motor der Kunst.
„Es drängte mich, (…) die Kunstwerke der Natur anzustaunen.“
Schöner Felsen
Als habe der Künstler Alexandre Jean Noël (1752–1843) mit Blick auf die majestätische Porte d’Aval südöstlich von Étretat spontan innegehalten und geschwelgt: Die Zeichnung von 1786 verrät ein großes Interesse für die Beschaffenheit der Felsformationen und die Schönheit der Küstenlandschaft.
Erste Darstellung
Noëls Zeichnung gilt als erste bekannte Darstellung der Bucht von Étretat. In den 1780er Jahren war das kleine Fischerdorf noch weitestgehend unbekannt. Die raue Küste des Nordens hatte jahrhundertelang als furchterregend gegolten.
Austernbecken
Vor dem Felsen der Porte d’Aval lassen sich Austernbecken erkennen. Die Muschel-Delikatessen wurden in Étretat über Monate geschmacksveredelt und mit dem Pferd über Nacht nach Paris geliefert. Tatsächlich wurde die Zeichnung von einem Austernhändler zu Werbezwecken in Auftrag gegeben. Vor der Französischen Revolution verbreitete er die Legende, seine Meeresfrüchte würden von Marie-Antoinette persönlich verspeist.
Welt im Umbruch
Eine Zeit enormer Umbrüche: Im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderte die Industrielle Revolution die gesellschaftlichen Strukturen Europas grundlegend. Während Wissenschaft und Technisierung viele Bereiche des Lebens umwälzten, begann man die entlegenen Regionen des Kontinents zu bereisen und zu vermessen. Gleichzeitig wuchs der Wunsch, den neuen industrialisierten Realitäten zu entkommen: Die individuelle Kultur- und Naturerfahrung wurde zunehmend zum Moment des Träumens, Entfliehens und der Erholung. Frankreich war währenddessen politisch tief gespalten. Seit der Französischen Revolution standen republikanische und pro-demokratische Kräfte den Befürwortern der Monarchie gegenüber. Mehrfach kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Umstürzen. Besonders die Herrschaft Napoleons III von 1852 bis 1870 bedeutete die Rückkehr einer autoritären, monarchischen Staatsordnung.
Begeisterte Blicke
Steile Klippen und ein tosender Ozean – das Naturspektakel zieht ab den 1820er Jahren Künstler aus ganz Europa nach Étretat. Die atemberaubende Küste trifft den Nerv der Zeit und inspiriert zum Staunen, Schaudern und zur künstlerischen Wiedergabe.
Malerische Reisen
Malerische Reisen
Reiseführer verlieren im Digitalzeitalter an Bedeutung – im 19. Jahrhundert erreichten sie überhaupt erst ihre moderne Form. Großangelegte Publikationen wie die Voyages pittoresques (franz. etwa „Malerische Reisen“) versammelten ab den 1820er Jahren die Sehenswürdigkeiten Frankreichs. Auch weithin unbekannte Orte der Normandie wurden so als Bildungs- und Reiseziele entdeckt. Immer mehr Menschen, die es sich finanziell und zeitlich leisten konnten, begeisterten sich für die Kulturgeschichte und Naturschönheit der entlegenen Winkel Europas. 1835 reist beispielsweise der berühmte Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Juliette Drouet (1806–1883), aus Paris nach Étretat – der Strapaze einer damals zweitägigen Reise mit der Postkutsche zum Trotz!
„Was ich in Étretat gesehen habe, ist bewundernswert. (…) Das [Felsgefüge] ist die gigantischste Architektur, die es gibt.“
Er gilt als der „Entdecker“ von Étretat: Der romantische Marinemaler Eugène Isabey (1803–1886) ist der erste Künstler, der sich um 1820 länger im Küstendorf aufgehalten und bei einem ehemaligen Kapitän gewohnt haben soll. Der hocherfolgreiche Maler trug entscheidend zur wachsenden Beliebtheit des Küstenortes bei.
„Einer der ersten Fremden, die diese Gegend besuchte, war zweifellos Monsieur Isabey, der berühmte Marinemaler.“
Marinemaler
Eugène Isabeys Erfolg war immens: Während der Julimonarchie (1830–1848) wurde er als Hofmaler von König Louis-Philippe I. mit allen staatlichen Ehren ausgezeichnet. Sein Fokus auf die Marinemalerei – auf Darstellungen von Schiffen, Küstenfelsen und dem offenen Meer – war ihm in die Wiege gelegt. Denn schon sein Vater galt als einflussreicher Künstler und Landschaftsillustrator. Meer und Küste sowie die Darstellung fremder Länder und Kulturen waren damals besonders beliebte Motive. Die kulturelle Faszination ging mit politischen Realitäten einher: Das Bestreben nach Expansion und Imperialismus befeuerte die französische Außenpolitik. Auch Eugène Isabey begleitete 1830 den französischen Eroberungskrieg im heutigen Algerien. Seine Darstellung der Landung der Truppen auf der Halbinsel Sidi-Fredj dokumentiert den historischen Beginn der brutalen französischen Kolonialherrschaft in Nordafrika.
Große Küsten- und Meeresbilder – dafür war Isabey bekannt. Seine romantischen Gemälde sind voller Pathos und Dramatik. Die Kunst der Romantik spiegelt das menschliche Erschauern angesichts gewaltiger Naturkräfte.
Staunen und Schaudern
Staunen und Schaudern
Geheimnisvolle, uralte Felsen und die großen Weite des Ozeans: Gemälde der Romantik vermitteln häufig das Gefühl der Unermesslichkeit. Davon waren Philosophen, Schriftsteller und Künstler bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts fasziniert. Mit dem Begriff des „Sublimen“ oder „Erhabenen“ beschrieben sie die Anmutung von etwas Großem, das die Grenzen des Gewohnten und Begreifbaren übersteigt und ein lustvolles Erschauern auslöst. Einflussreiche Denker – von Edmund Burke, über Immanuel Kant und Friedrich Schiller – waren sich einig: Der intensive Schauder des Erhabenen verhelfe dem Menschen erst, sich seiner Bestimmung in der Welt bewusst zu werden.
„Die Wunder der kecken Kunst, die das Meer hier, den Fels zerreissend, geschaffen hatte, erschütterten meine Seele.“
Ehrfürchtige Blicke auf die Felsen am Meer: Unter Eugène Isabeys zahlreichen Étretat-Bildern beeindrucken seine feinen Aquarelle. Mit tastendem, forschendem Blick umkreist der Künstler die Gesteinsformationen und vermittelt seine Begeisterung für die Geheimnisse der sichtbaren Welt.
Erdzeitgeschichte
Zwischen 75 und 84 Metern Höhe erreichen die Felsen von Étretat! Vor etwa 90 Millionen Jahren, in der mittleren Kreidezeit, entstanden sie aus der Ablagerung von Meeresorganismen: Bänder aus hartem Feuerstein ziehen sich durch die weichen Kalksteinwände. Tektonische Kräfte – Bewegungen der Erdoberfläche – hoben die Steilküste der Normandie vor etwa zwei Millionen Jahren an. Die einzigartigen Felsformationen entstanden durch das Zusammenwirken mehrerer Prozesse: Vom Aufprall sedimenthaltiger Wellen, über plötzliche Temperaturschwankungen bis hin zur zerklüftenden Erosion der Klippen. Ihr Aussehen und ihre geologischen und erdzeitlichen Ursprünge fesselten im 19. Jahrhundert nicht nur die Künstler, sondern auch die Welt der Wissenschaft: So fanden die Felsen in zahlreichen Sachbüchern Erwähnung und beschäftigten die aufkommenden Disziplinen der Geologie und Mineralogie.
Mit Bewunderung und Wissensdrang begegnen Künstler der einzigartigen Küstenlandschaft: Der deutsche Maler Johann Wilhelm Schirmer (1807–1863) gestaltet 1836 in Ölfarbe Studien der Felsenküste von Étretat. Seine Bilder vereinen die genaue Beobachtung mit einer romantischen Überhöhung des Gesehenen. Ihrer aufwühlenden Sogwirkung kann man sich bis heute kaum entziehen.
Romantiker
Johann Schirmer war immer auf der Suche nach beeindruckenden Landschaften. Gerade in seiner Zeit als Hilfslehrer – bevor er 1839 zum Professor der Düsseldorfer Kunstakademie berufen wurde – reiste er ausgiebig quer durch Europa: so auch 1836 von den Berner Alpen bis nach Étretat und wieder zurück. Schirmer nutzte das Freilichtstudium, das Zeichnen und Skizzieren mit Ölfarben und Aquarell im Freien, um unmittelbar den Natureindruck einzufangen.
Seine Studien kamen beim Unterrichten von Studenten zum Einsatz und dienten als Vorlagen für seine monumentalen Landschaftsbilder. Schirmers opulente Kunst fand auch in Frankreich Anklang: 1838 erhielt er die Goldmedaille des Salons der Pariser Kunstakademie, der damals wohl wichtigsten Kunstschau Europas.
„Étretat ist eine unerschöpfliche Goldmine der Malerei. Es ist ein wahres Kalifornien, das die Alben der Künstler füllt.“
Selbst die bekanntesten Künstler der Zeit zieht es nach Étretat: In den 1840er Jahren zeichnet der einflussreiche französische Maler Eugène Delacroix (1798–1863) – ein Freund Eugène Isabeys – vor den Felstoren. Seine Aquarellstudie der Porte d’Aval übersetzt den Natureindruck in eine prozesshafte, moderne Zeichenkunst.
Erst der Zusammenklang der Farben erzeugt die dichte Atmosphäre der Landschaftsstudie: Die abwechslungsreich gesetzten Pinselstriche betonen die individuelle, „gefühlte“ Wahrnehmung der Abendstimmung. Eugène Delacroixs Zeichnung sollte auch Claude Monet begeistern. Nach 1891 erwirbt er das Blatt für seine eigene Kunstsammlung. In der Studie seines Vorgängers mag er eine Vorahnung der Malweise des Impressionismus gesehen haben.
„Ich bin verrückt nach Küste und Meer.“
Küstenparadies?
Alte Fischerboote am Strand als Farbakzente vor der milchig-trüben Meeresflut: Claude Monets impressionistisches Farbenspiel fasziniert. Dennoch vermittelt sein Gemälde Boote am Strand von Étretat eine im 19. Jahrhundert weitverbreitete Nostalgie. Während qualmende industrielle Zentren und expandierende Großstädte entstehen, wächst die Sehnsucht nach Erholung und Ursprünglichkeit. Die Anfänge des modernen Tourismus verändern auch Étretat – vom Fischerort und Künstlertreff zum mondänen Badeort.
Monet schildert mit wenigen, schwungvollen Pinselstrichen eine eigentümliche Hütte am rechten Bildrand: Es ist eine Caloge, ein zur reetgedeckten Strandhütte umgebautes, ausgedientes Boot. Die Fischer von Étretat nutzten es zur Aufbewahrung ihrer Netze, Bojen und Taue.
Von der Arbeitshütte zur Touristenattraktion der Normandie – die Caloges dienen heute mancherorts als Strandcafés. Als Monet 1883 das Gemälde der Fischerboote malt, sind die charakteristischen Bauten in Étretat bereits zur Sehenswürdigkeit geworden – für den stetig wachsenden Zustrom an Küstenbesuchern.
„Étretat wird immer atemberaubender. (…) Der Strand mit all den schönen Booten ist großartig.“
Moderner Tourismus
Reisen zum Zeitvertreib und aus Neugierde, ganz ohne beruflichen Zweck: Was heute selbstverständlich scheint, entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert zum gesellschaftlichen Phänomen. Noch 1872 führt das berühmte französische Lexikon Dictionnaire Littré den Begriff des „touriste“ auf die englische Tradition der Grand Tour zurück: Die rituelle Bildungsreise hatte junge Männer der englischen (und nordeuropäischen) Oberschicht seit dem 17. Jahrhundert in die kulturellen Zentren Europas gebracht und gilt tatsächlich als Vorläufer des modernen Tourismus. Dieser mauserte sich im 19. Jahrhundert zur Industrie und war nicht mehr nur dem Adel vorbehalten: Eisenbahn und Dampfschifffahrt machten Kurorte, Bäder sowie landschaftliche und kulturelle Sehenswürdigkeiten leichter erreichbar. Der englische Unternehmer Thomas Cook (1808–1892) war der Erfinder der Pauschalreise: Bereits ab den 1840er Jahren bot er Reisen an die englische Küste, nach Frankreich, Deutschland, Italien oder sogar Ägypten im Komplettpaket an – all inclusive für alle, die Zeit und Geld mitbrachten.
Sommerfrische
Ein abgeschiedenes Fischerdorf rückt in greifbare Nähe: 1838 führt ein erster befestigter Weg nach Étretat, einige Jahre später folgen Straßenverbindungen von Fécamp im Norden und Le Havre im Süden, ab 1890 sogar eine Eisenbahnstrecke aus Paris. Das Erscheinungsbild Étretats verändert sich: Sommervillen wohlhabender Städter, eine Badeanstalt und ein Kasino säumen schließlich den Strand.
„Seit 1820, als Isabey begann, Étretat (…) zu erschließen, kommen sie jeden Sommer zu Hunderten.“
Das älteste Gasthaus des Dorfes, das Hôtel Blanquet, hatte lange als Geheimtipp der Künstler und Schriftsteller gegolten – ab Mitte des 19. Jahrhunderts empfängt es unter dem Spitznamen „Au Rendezvous des Artistes“ (frz. „Zum Treffpunkt der Künstler“) auch die Sommerfrischler. Der erfolgreiche Pariser Maler Eugène Le Poittevin (1806–1870) bemalt 1842 ein Holzschild für die Fassade des Hotels – im Moment des einsetzenden Wandels des Ortes.
Im Hintergrund die Kreidefelsen, davor das geschäftige Treiben der Fischer am Strand, die Caloges und ein zeichnender Künstler, der auf das weite Meer blickt: Im Vordergrund des Holzschildes verkünden die Figuren der zwei aufwendig gekleideten Städterinnen den beginnenden Tourismus. Le Poittevins Schild wirbt mit dem, was die Sommergäste Étretats erwarteten: Strand, Felsen und die Begegnung mit den Dorfbewohnern.
Eugène Le Poittevin
Eugène Le Poittevin (1806–1870) ist heute weitestgehend vergessen, doch zu Lebzeiten galt er als einer der bekanntesten Künstler von Paris. Studiert an der renommierten École des Beaux Arts, feierte er im Salon, der jährlichen Ausstellungsplattform der Kunstakademie, viele Erfolge. Neben seiner offiziellen Marinemalerei – den Seeschlachtszenen und Küstenlandschaften – betätigte sich Le Poittevin auch als Lithograph und Karikaturist: Seine erotischen und politischen Satiren wurden berühmt-berüchtigt. 1849 erwarb er als einer der ersten Städter in Étretat ein Grundstück an der Porte d’Aval, auf dem er ein Wohn- und Atelierhaus besaß. In seiner 1858 im Ortskern erbauten Villa La Chaufferette (frz. „das Stövchen“) wurde er zum geschätzten Gastgeber der Étretat bereisenden Künstler, Literaten, Schauspieler und Komponisten.
Eugène Le Poittevin verbrachte viel Zeit in Étretat und war mit der lokalen Bevölkerung befreundet. Als scharfer Beobachter des Ortswandels, malt er 1864 auf breiter Leinwand: Mit feiner Ironie schildern seine Gemälde das Treiben der Sommerfrischler am Strand.
Ein Tag am Meer
Ein Gesellschaftsporträt: Sommergäste in eleganter Kleidung genießen die frische Meeresluft vor dem tiefblauen Wasser. Mit einem Augenzwinkern stellt Le Poittevin stickende und lesende Frauen, gestikulierende Männer und spielende Kinder dar. Als das Bild 1864 entstand, hatte sich die Anzahl der Sommerbadegäste in Étretat bereits rasant gesteigert – auf die 1500 dauerhaften Dorfbewohner kamen etwa 4000-5000 Gäste im Jahr.
Schwimmender Literat
Der junge Mann in Badebekleidung stellt wahrscheinlich Guy de Maupassant (1850–1893) dar, der einer der namhaftesten französischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts werden sollte. Gebürtig auf einem Schloss in der Normandie, verbrachte Maupassant die Sommerzeit bei seiner Mutter in Étretat und soll ein sehr guter Schwimmer gewesen sein. Der Maler schildert den muskulösen 14Jährigen in lebhafter Unterhaltung mit zwei Sommerfrischlerinnen.
Badeservice
Ganz rechts im Bild zeigt Le Poittevin die Badeanstalt von Étretat. Vor den Umkleidekabinen nähert sich ein Badegast in gebückter Haltung einer Frau mit flachem Korb. Der Künstler inszeniert das Zusammenprallen zweier Welten: Die Urlauber aus der Stadt treffen auf die Dorfbewohner. Die wettergegerbte Haut der Frau verweist auf ihre harte körperliche Arbeit unter freiem Himmel.
Ab ins Wasser!
Die Städter wagen sich ins Meer! Was heute für viele Menschen das schönste Sommervergnügen bedeutet, war im 19. Jahrhundert neu und aufregend: Das Baden im kalten Atlantikwasser diente zunächst medizinischen Zwecken und wurde von Ärzten zur Kur verschrieben. Doch die reine Lust am Baden wuchs: Le Poittevins Gemälde zeigt die Bourgeoisie fröhlich im Wasser. Badehelfer und Bootsmänner sorgen für die Sicherheit und den Komfort der Sommergäste.
Qualmendes Dampfschiff
Schwere, graue Rauchwolken am Horizont – ein mächtiges Dampfschiff durchzieht den Ärmelkanal. Mit dem Bilddetail erinnert der Maler an den rasanten Wandel seiner Zeit: Die Industrialisierung mit ihren technologischen Neuerungen machte auch vor Meer und Küste nicht halt. Ab 1838 ließ beispielsweise die französische Marine ihre Segelschiffe flächendeckend durch Dampfschiffe ersetzen.
Who’s Who
Einige Gesichter im Panorama der Strandurlauber tragen porträthafte Züge: Mit Zeitung und Hund hat der Maler seinen Bekannten Charles Albert d’Arnoux (1820–1882) verewigt – einen adligen Illustrator und Fotografen. In Étretat zählten sehr namhafte Kreative zum Who‘s Who der Sommergäste: Darunter auch die Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885), Alexandre Dumas (1802–1870), Gustave Flaubert (1821–1880), wie der Komponist Jaques Offenbach (1819–1880), die Schauspielerin Eugénie Doche (1821–1900) und der Opernstar Jean-Baptiste Faure (1830–1914).
Fischereigerät
Ein Fischernetz, eine Boje und ein Flechtkorb – im Vordergrund des Strand-Panoramas sind Gebrauchsgegenstände der Fischer platziert. Sie bilden das Pendant zum Kinderspielzeug und dem Kleiderberg der Städter rechts im Bild. Der Künstler verdeutlicht die sozialen Gegensätze, die der moderne Tourismus mit sich bringen kann: Überfluss, Freizeit und Finanzstärke treffen auf archaische Einfachheit, harte Arbeit und Armut.
Badefreuden
Das dritte Seebad Frankreichs! Nach den ersten Badeanstalten im nahegelegenen Dieppe und Trouville, eröffnet 1843/44 in Étretat das Bain Duchemin. Von der Normandie aus sollte sich das Modell des Strandbadens auf ganz Frankreich ausweiten. Dabei diente das Meerwasserbaden zunächst therapeutischen Zwecken: In englischen Küstenstädten – etwa in Brighton und Scarborough – waren bereits im 18. Jahrhundert Patienten zur Gesundheitskur empfangen worden. Hintergrund war die Miasmentheorie, die medizinische Überzeugung, dass Krankheiten durch schlechte Luft oder faulende Dünste verursacht würden. Die Wirkung des kalten Salzwassers galt als heilsam. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor der Glaube an Miasmen seine Gültigkeit – das Strandbaden wurde zunehmend zum Freizeitvergnügen.
„[Die Frauen brachten] die vollkommenste Unordnung in das ruhige Leben von Étretat. Sie ließen die Kiesel unter dem Frou-Frou (Stoffrascheln) ihrer Kleider erzittern.“
Étretat vor der Linse
Étretat vor der Linse
Urlaubsfotos entstehen heute digital und massenweise – Mitte des 19. Jahrhunderts war die analoge Fotografie erst ein paar Jahrzehnte alt und wurde nur von wenigen beherrscht. In Étretat hielt die neue Technik schon ab den 1850er Jahren Einzug: Urlauber und Boote am Strand, die traditionellen Fischerhütten oder die Felsen und das Dorf – wohlhabende Gäste schossen zahlreiche Lichtbilder ihres Sommerorts. Hobbyfotografen – beispielsweise Paul Gaillard (1832 – 1890) oder der Chemiker Alphonse Davanne (1824 – 1912) – erstellten ganze Bilderserien und waren 1854 Gründungsmitglieder der Société française de photographie, der ersten fotografischen Gesellschaft der Welt.
Ein tiefgreifender Wandel: Auch die lokale Bevölkerung von Étretat passt sich an die Bedürfnisse der Sommergäste an. Wer zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch als Fischer, webende Heimarbeiterin oder Seemann der Handelsmarine tätig gewesen war, arbeitet nun meist als Hausangestellte, Gärtner oder Badekraft. Doch die Sehnsucht der Étretat-Besucher nach einer „unberührten“ Natur und Lebensart bleibt ungebrochen.
Traum der Unberührtheit
Trotz aller Veränderungen – das Bild Étretats als ein entlegener, ursprünglicher Küstenort hat Bestand. Besonders der Blick auf die Fischer und Dorfbewohner ist bereits seit der ersten künstlerischen Entdeckung von projizierten Fantasien und Vorstellungen geprägt.
„In Étretat haftet allem ein eigentümlicher Zauber an, der die Fantasie unmittelbar fesselt.“
Bereits Eugène Isabey hatte nicht nur die atemberaubende Küstenlandschaft Étretats, sondern auch das Dorf und seine Bewohner fernab der modernen Gesellschaft gemalt. Ein romantischer Wunsch nach Naturverbundenheit und Einfachheit prägt sein Gemälde Strand bei Ebbe von 1833. Es setzt die Häuser und Menschen des touristisch noch unerschlossenen Ortes in Szene.
Familienidyll?
Eine Fischerfamilie in schlichter Kleidung, kinderreich und eng verbunden, in ein zartes Licht gehüllt: Das Gemälde vermittelt die idealisierte Vorstellung familiärer Gemeinschaft angesichts eines „reinen“, ärmlichen Lebens. Tatsächlich konnte die Existenz in Étretat sehr hart sein: Hunger und regelmäßige Überflutungen, die das Dorf im Schlamm begruben, gehörten zum Lebensalltag.
Reetgedeckt
Windschiefe, reetgedeckte Fachwerkhäuser reihen sich dicht aneinander, aus den Fenstern ragt Stroh, Gebrauchsgegenstände lehnen an der Hauswand. Isabeys Bild deutet die harte Armut der Fischer an und vermittelt doch eine träumerische Wirkung und die Sehnsucht nach heimeliger Vertrautheit. In der Realität waren die alten Reetdachhäuser von Étretat beinahe ebenerdig gebaut, ihre Mauern bestanden aus behauenem Feuerstein.
Am Boden
Ungeordnet liegen Körbe, altes Fischerwerkzeug und ein Haufen gefischter Rochen am steinigen Strand: Das Bilddetail spielt wohl auf die Vorstellung einer „unzivilisierten“ Erdverbundenheit des Fischerdaseins an. Der Blick der mondänen Städter auf die Einfachheit des Lebens an der Küste schwankte zwischen Romantisierung und Abwertung. Auch die Betrachter und Käufer dieses Bildes konnten schwelgen, und sich doch abgrenzen.
Leben in Armut
Nicht nur die Künstler fassten das Leben der alteingesessenen Bevölkerung von Étretat ins Auge. Auch Schriftsteller beschäftigten sich mit den Umständen der Fischer und Heimarbeiterinnen im Küstenort. Alphonse Karr (1808–1890) – der neben Eugène Isabey maßgeblich zur Bekanntheit des Dorfes beitrug – veröffentlichte 1850 seine Histoire de Rose et de Jean Duchemin, eine tagebuchartige Aufzeichnung einer Heimarbeiterin und Fischersfrau aus Étretat. Darin wird ein Leben offenbar, das von Härte, Armut und tiefer Religiosität geprägt war – mit 16 Kindern, deren Mägen ständig knurrten.
Als der Tourismus längst Einzug gehalten hat, malt Eugène Le Poittevin zahlreiche Darstellungen der Fischer des Küstenortes. Die Bilder zeigen hart arbeitende, von Armut gezeichnete Menschen vor der atemberaubenden Kulisse der Felsen von Étretat.
In zusammengeflickter Kleidung zerren vier Fischer ein Boot auf den Strand. Im Hintergrund drehen weitere Männer mit Leibeskräften eine Spillwinde, um ein schwereres Boot aus dem Wasser zu ziehen. Le Poittevin malt die Fischer von Étretat als gesichtslose Gestalten: Nur der Mann mit der blau-rot-weißen Mütze im Vordergrund zeigt seine von Anstrengung und Wetter zerfurchte Miene. Ebenso wie die Panoramen der Sommergäste am Strand entfalten auch seine Fischer-Gemälde eine sozialkritische Note.
Rote Mützen
Fischer am Strand oder beim Gezeitenfischen – in all seinen Darstellungen setzt Le Poittevin den Männern auffällige rote Mützen auf. Solche Kopfbedeckungen waren Teil der Trachten der Fischer des nahegelegenen Dieppe. Doch gleichzeitig erinnerten sie die zeitgenössischen Betrachter wohl an eines der wichtigsten politischen Symbole im Frankreich des 18. und 19. Jahrhunderts: Den bonnet rouge, die Phrygische Mütze. Während der Französischen Revolution wurde die Kopfbedeckung – die man fälschlicherweise für den Hut befreiter Sklaven der Antike hielt – zum Zeichen von Freiheitsliebe und demokratischer Gesinnung. Le Poittevins Gemälde entstanden während des Second Empires – des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III. Der Kaiser ließ sich nach einem Staatsstreich selbst krönen und setzte der noch jungen republikanischen Verfassung Frankreichs vorerst ein Ende.
Tourismus offenbart soziale Gräben: In Étretat wird um 1860 der Strand zweigeteilt. Der nördliche Bereich, an dessen Strandpromenade die Villen und das Kasino stehen, ist von nun an streng den Badegästen vorbehalten. Der südliche Bereich gen Aval-Felsen bleibt der Ort der Fischer und Wäscherinnen – bekannt unter dem Spottnamen „Perrey des Manants“ (frz. etwa „Kieselanhäufung der Tölpel“).
„Étretat verfällt. (…) Diese Durchmischung mit Paris, dem mondänen Paris, so teuer dieses auch zahlt, ist für das Dorf ein Unglück.“
Ein verführerisches Bild einer schönen, jungen Frau: Der Pariser Künstler Hugues Merle (1822–1881) inszeniert 1869 die Figur einer Wäscherin vor der ikonischen Porte d’Aval – auf den ersten Blick ein romantisch-schwelgerisches Gemälde, das das Klischeebild der Unberührtheit Étretats bedient. Doch bei näherem Hinsehen verrät das feine Stirnrunzeln der Wäscherin die Mühen eines Alltags, der unausweichlich scheint: Im Hintergrund zeichnen die hart arbeitenden, älteren Frauen ihr zukünftiges Schicksal vor.
Wäscherinnen am Strand
Wäsche waschen am Strand? In Étretat war das jahrhundertelang Usus: Bei Ebbe werden Süßwasserquellen unter dem Kieselstrand freigelegt, die das Reinigen von Textilien ermöglichen. Als Symbol für die vermeintliche Ursprünglichkeit des Ortes war das Bildmotiv der Waschfrauen von Étretat über Jahrzehnte auf Kunstwerken und Postkarten sehr beliebt.
Als habe es die Verwandlung Étretats zum mondänen Badeort nie gegeben: Eugène Boudin (1824–1898), ein Schüler Eugène Isabeys und der erste Mentor Claude Monets, lässt die Wäscherinnen vor der Porte d’Aval malerisch mit der Küstenlandschaft verschmelzen. Kleine Fischerboote fahren aufs Meer hinaus – Boudin blendet das touristische Treiben Étretats aus. Nur die Andeutung eines Dampfers am Horizont verweist auf die großen Umbrüche des 19. Jahrhunderts.
Monets Farbenmeer
Claude Monet wird Zeuge des Wandels: Der Künstler kennt die Normandie seit Kindheitstagen und ist zeitlebens von der rauen Küste fasziniert. In Étretat verbringt er in den 1860er und 1880er Jahren mehrere längere Aufenthalte. In über 80 Gemälden widmet er sich dem Natureindruck: Die Felstore von Étretat inspirieren bedeutende Neuerungen der Malerei.
„Ich bin meiner Küste treu geblieben.“
Berufener Künstler
Claude Monet (1840–1926) verbrachte seine Kindheit in Le Havre, der wichtigsten Hafenstadt der Normandie. Als Sohn eines Lebensmittelgroßhändlers entschied er sich früh, einen Werdegang als Künstler einzuschlagen – entgegen den Erwartungen seines Vaters. Bereits als 18-Jähriger begegnete er dem Maler Eugène Boudin, der zu seinem Mentor wurde. Mit finanzieller Unterstützung seiner Tante begann Monet 1860 ein Kunststudium in Paris. Im Laufe seiner Karriere besuchte er regelmäßig die Normandie, in deren Landschaften er unter freiem Himmel malte. Monets Weltruhm ließ auf sich warten: Finanzielle Schwierigkeiten und Unsicherheiten begleiteten sein Leben bis in die 1880er Jahre. Spätestens mit der Teilnahme an der Weltausstellung 1889, konnte sich Monet zunehmend über Anerkennung und Wohlstand freuen.
Heute ist Monet für seine impressionistischen Gemälde weltberühmt. Sein Bild Steilküste von Aval von 1885 verdeutlicht die Besonderheiten der revolutionären Malweise.
Der sonnenbeschiene Felsen, umflutet vom Wasser des Atlantiks: Das Gemälde erzeugt den Anschein einer flirrenden Bewegtheit, der dem natürlichen Licht- und Farbenspiel gleichen kann. Der Effekt beruht auf den kurzen Pinselstrichen – den so genannten taches (frz. „Flecken“) –, die sichtbar auf der Leinwand stehen. Auf lange, geschlossene Linien verzichtet Monet ganz: Die Formen der Landschaft – die Felsen, Wolken und Wellen – sind rein aus Farbkontrasten und -tupfern gebildet.
„Der Impressionist sieht die Natur und malt sie, wie sie ist; das heißt, ausschließlich in Farbschwingungen.“
Jede neue Malweise muss erfunden werden: Monet beginnt ausgerechnet während seines zweiten Aufenthalts in Étretat, mit den impressionistischen Maltechniken zu experimentieren. Um die touristischen Besucher zu meiden, wählt er für seinen mehrmonatigen Besuch die kühle Jahreswende 1868/69. Angesichts der majestätischen Felstore im Winterlicht kündigt sich sein innovativer Umgang mit Pinsel und Farbe an.
Theorie der Farben
Rot und Grün oder Blau und Orange – in den Gemälden von Monet und anderer Impressionisten kommen starke Farbkontraste zum Tragen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich Theoretiker und Naturwissenschaftler ausgiebig mit den Gesetzmäßigkeiten der Farben. Vor allem die Schriften Eugène Chevreuls waren in Pariser Künstlerkreisen sehr verbreitet. Der Chemiker hatte den so genannten Komplementärkontrast definiert: Jede der drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau ist zur Mischung der beiden anderen komplementär, ergibt also für den menschlichen Sehapparat einen besonders starken Kontrast. Chevreul beschrieb auch den Simultankontrast: Wenn zwei Farben direkt nebeneinander gesehen werden, beeinflussen sie sich gegenseitig in ihrer Wirkung. Monet und seine Zeitgenossen nutzten die theoretischen Erkenntnisse für die Farbgestaltung ihrer Kunstwerke.
„Ich bin hier [in Étretat] umgeben von allem, was ich liebe.“
Monet ist 1868 von Finanzproblemen geplagt. Dank der Unterstützung eines Gönners aus Le Havre kann er sich in Étretat eine Unterkunft leisten. Während seines Aufenthalts malt er nicht nur die Felsen im Meer. Auch das damals unkonventionelle Figurenbild Das Mittagessen entsteht, das heute ein Herzstück der Sammlung des Städel Museums ist: Auf großer Leinwand inszeniert Monet seine eigene Familie.
Bon appetit!
Kartoffeln und Fleisch, Salat, Weintrauben und selbstverständlich Brot – ein französisches Mittagessen! Doch das bürgerliche Familienidyll trügt: Der mittellose Monet konnte seine Freundin Camille und den unehelichen Sohn Jean kaum versorgen. Ständiges Umziehen und die Ächtung durch seinen Vater bestimmten sein Leben.
Monumental
Eine Alltagsszene auf 2,30 x 1,50 m! Monet bricht bewusst die akademischen Regeln der Kunst des 19. Jahrhunderts: Denn Leinwände dieser Größe waren traditionell der Historienmalerei vorbehalten – Darstellungen religiöser, mythologischer oder historischer Ereignisse. Ein persönliches Bild in diesem Format – das war ungewöhnlich und für manchen provokant!
Rätselhafte Zeitung
Eine zusammengefaltete Zeitung liegt neben dem Gedeck des Familienvaters und Malers: Die Buchstaben „LE FI“ verweisen auf Le Figaro, die älteste Tageszeitung Frankreichs. Zugleich spielen die Buchstaben auf das französische Wort „le fils“ an – „der Sohn“. Monet platziert die Zeitung so im Bild, dass sie auf den zweijährigen Jean zu zeigen scheint: ein väterliches Bekenntnis für das uneheliche Kind!?
Leerer Platz
Wer soll hier Platz nehmen? Der leere, zurückgeschobene Stuhl markiert den Platz des Familienvaters – des Malers selbst: Sein Gedeck steht bereit, die Zeitung liegt griffbereit, seine Liebsten sind versammelt. Das autobiografische Kunstwerk ist um ein Paradox gebaut: Obwohl Monet sich nicht in sein Bild gemalt hat, vermittelt das Gemälde seine Präsenz.
Unehelich
Monets Freundin Camille Doncieux wendet sich liebevoll dem kleinen Jean zu, hinter ihr schließt eine Bedienstete den Wandschrank. Was unbeschwert erscheint, war in der Realität belastend: Claudes und Camilles gemeinsamer Sohn wurde 1867 unehelich geboren – eine Schande im 19. Jahrhundert! Ein „Bastard“ hatte qua Gesetz keinerlei Anspruch auf Alimente. Aller gesellschaftlicher Vorurteile und dem anhaltenden Druck seines Vaters zum Trotz verstieß Monet seinen Sohn nicht und heiratete Camille wenige Monate nach Fertigstellung des Gemäldes.
Besucherin
Eine Jacke aus schillerndem Stoff, eine Kopfbedeckung mit Gesichtsschleier, dazu dunkle Handschuhe: Die Frau trägt ein Nachmittagskleid, mit der sich eine Dame beim Ausgehen auf der Straße zeigte. Ans Fenster gelehnt, erinnert die “Besucherin“ im Familienbild an das Verhältnis von Draußen und Drinnen, von Öffentlichkeit und Privatheit, von Gesellschaft und Individuum.
Rollenbilder
Auf dem Stuhl ein Korb mit Nähzeug, darunter eine Puppe und ein Ball: Während die Alltagsgegenstände Mutter und Kind gehören, verweisen der Zylinder, die Bücher und die Leselampe auf der Kommode rechts im Hintergrund auf den Vater. Die beigefügten Dinge im Gemälde unterstreichen die traditionellen Rollenbilder der Familienmitglieder. Doch Monets Geliebte Camille, sein Sohn Jean und seine eigene Vaterrolle entsprachen nicht den bürgerlichen Normvorstellungen.
Aus Étretat nach Paris: 1870 bewirbt sich Monet mit dem Mittagessen bei der Jury des Salon – der jährlich stattfindenden, prestigeträchtigen Ausstellung der staatlichen Kunstakademie. Doch die Jury lehnt ab: Erst 1874 sollte Monet das Gemälde öffentlich präsentieren, im Rahmen der berühmten ersten Impressionisten-Ausstellung in Paris. Mit der selbstorganisierten Alternative zum Salon gaben Monet und seine Künstlerfreunde ihrer neuartigen Malerei eine öffentliche Plattform.
Verspotteter Impressionismus
Verspotteter Impressionismus
Nicht nur Das Mittagessen scheiterte an der Jury des Pariser Salon, auch Monets erste Bilder in der impressionistischen Malweise wurden abgelehnt – zu „unfertig“, zu unkonventionell. Tatsächlich fand der Name „Impressionismus“ zunächst abschätzig Verwendung: Der Kunstkritiker Louis Leroy (1812–1885) nahm damit 1874 in einem Zeitungsbeitrag spöttisch auf den Titel von Monets Bild Impression, Sonnenaufgang Bezug, das er auf der ersten Impressionisten-Ausstellung gesehen hatte. Die beteiligten Künstler hatten sich lose um den etwas älteren Edouard Manet (1832–1883) gruppiert, malten, lasen und diskutierten gemeinsam, mit dem Ziel, eine zeitgemäße Kunst zu entwickeln. Ihre Bilder zeichneten sich nicht nur durch die neue Malweise, sondern auch durch ungewöhnliche Themen aus: Flüchtige Eindrücke des modernen Großstadt- und Freizeitlebens in einer sich industrialisierenden Welt.
„Der Impressionist ist ein moderner Maler, der (…) den in der Akademie erlernten Ansatz (Linie, Perspektive, Farbe) hinter sich lässt und durch unmittelbares Erleben und Sehen, ehrlich und klar, im Licht der freien Natur arbeitet.“
Wellenbrausen
Moderne Kunstformen und moderne Wege, der Küstenlandschaft zu begegnen: Wenige Monate nachdem Monet in Étretat erste impressionistische Pinselstriche gesetzt hatte, besucht sein Freund und späterer Trauzeuge Gustave Courbet (1819–1877) den einzigartigen Flecken am Ärmelkanal. Étretat wird erneut zum Ursprungsort von Gemälden, die Kunstgeschichte schreiben sollten.
Eine große, schäumende Welle im Moment des Brechens an der Küste, dahinter die Weite des Ozeans – im Sommer 1869 malt Gustave Courbet erste Versionen seiner einschlägigen Wogen-Bilder, angeblich während eines tosenden Sturms in Étretat.
Bedrohlich türmt sich die Welle vor den Betrachtern auf. Krachend und schäumend scheint sie am rechten Bildrand niederzubrechen. Schon die Zeitgenossen priesen Courbets Wogen für ihre eigentümliche Wucht und erkannten die Radikalität seiner Bilderfindung. Der schillernde Künstler war für seine originellen Ideen berühmt-berüchtigt und wusste sich öffentlich zu inszenieren.
Berühmt-berüchtigt
Gustave Courbet revolutionierte die Malerei – seine Gemälde brachen gezielt althergebrachte Normen und Sehgewohnheiten und prägten ganze Künstlergenerationen. Courbets Überzeugung, Kunst müsse aus der individuellen Sichtweise des Autors entstehen, spiegelt sich in seinen eigenwilligen Landschaftsbildern wider. Als anfänglicher Verfechter eines malerischen Realismus, war eine ungeschönte Kunst sein Ziel: Statt Helden und Heiligen zeigte er Landarbeiter und Mägde. Auch in politischer Hinsicht sorgte Courbet für Schlagzeilen: Kurz nach seinem Aufenthalt in Étretat beteiligte er sich an der Pariser Kommune, die sich während des Deutsch-Französischen Krieges 1870 gegen die deutschen Besatzer und die Herrschaft Kaiser Napoleons III. erhob. Vermutlich gehörte er zu den Initiatoren der Zerstörung der Siegessäule auf der Pariser Place Vendôme – einem Symbol der Monarchie.
Heute lassen sich zahlreiche Varianten der Wogen in den Museen der Welt bestaunen. Doch die Kunstwerke geben Rätsel auf: Welche tiefere Bedeutung steckt hinter den Bildern des aufschäumenden Meereswassers?
Wellen aus der Ferne
Eine überwältigende Meereswelle als Hauptmotiv eines Bildes: Anregung dazu könnte Courbet aus Japan erhalten haben. Mit dem einschlägigen Farbholzschnitt Die Große Welle vor Kanagawa von Katsushika Hokusai (1760–1849) war er wohl vertraut. Denn Mitte des 19. Jahrhunderts begannen Druckgrafiken der so genannten Ukiyo-e-Kunst in Paris zu kursieren und begeisterten viele europäische Künstler. Claude Monet erwarb ab den 1860er Jahren Hunderte japanische Grafiken für seine eigene Kunstsammlung.
„Du kannst vergeblich nach einem Tropfen Wasser in [Courbets] versteinerten Ozean suchen. Wenn man irgendeinen beliebigen Ausschnitt (…) jemandem zeigte (…) würde er ihn für ein Stück einer Mauer halten.“
Flüssiges und Festes in einem Bild: Courbets Wellen können statisch erscheinen, als seien Zeit und Materie unter der Hand des Künstlers „eingefroren“. Um die Farbe aufzutragen, nutzte Courbet neben dem Pinsel, auch ein Palettmesser, eine Art Malspachtel. Seine Gemälde sind oft von einer regelrechten Farbkruste bedeckt.
Courbets Wogen-Bilder beeindruckten Claude Monet. Einige Jahre nach dem Tod seines Freundes entwirft er eine Reihe eigener Darstellungen heranrollender Wellen und antwortet auf Courbets Wucht mit impressionistischer Leichtigkeit. Reizvoll erscheinen kontrastierende Ocker- und Blautöne im Gemälde. Den Strand oder Küstenstreifen spart Monet aus: Das Bild ist ganz auf die Bewegung von Brandung und Wolken fokussiert – effektvoll übersetzt in schwungvolle Pinselzüge.
Ungewohnte Malweisen
Monets und Courbets unkonventionelle Kunst erregten im 19. Jahrhundert die Gemüter. Ihre jeweiligen Maltechniken wichen deutlich vom traditionellen Umgang mit Farbe und Pinsel ab. Darauf reagierten die damaligen Medien mit spöttischen Karikaturen. So erscheint Courbet als Exzentriker mit Palette und Maurerspachtel, Monet hingegen als wirrköpfiger Malermeister, der die Leinwand mit einem großen Besen bearbeitet. Vielen zeitgenössischen Kunstbetrachtern entging das Ziel beider Künstler: Durch ihren freieren Einsatz der Ölfarbe wollten sie die Sinne der Betrachter unmittelbar ansprechen und so eine neue, zeitgemäße Wirkmacht ihrer Bilder erzeugen.
Courbet hatte mit seinen Wogen Neues gewagt – Monet tut es ihm nach. In seinem Bild Raue See von 1881 verwandelt er das Bildmotiv der Wellen in ein Meer aus lebendigen Pinselstrichen in Blau- Grün- und Weißtönen. Die heranrollenden, schäumenden Wellen nehmen den Großteil der Bildfläche ein, weisen über diese hinaus und vermitteln die Unfassbarkeit unaufhörlicher Bewegung und Weite.
Meeresrauschen
Meeresrauschen
Ob als Schauplatz einer Geschichte oder als Sinnbild der Unendlichkeit und inneren Seelenreise – das Meer war im 19. Jahrhundert auch unter französischen Dichtern, Schriftstellern und Intellektuellen en vogue. Bis heute ist beispielsweise das Abenteuer 20.000 Meilen unter dem Meer (1870) von Jules Verne (1828–1905) berühmt, aber auch Victor Hugos einschlägige Meeresgedichte und sein Roman Die Arbeiter des Meeres (1866) gehören zu den Klassikern der Literaturgeschichte. La Mer (1861) des einflussreichen Historikers Jules Michelet (1798–1874) deckt viele Aspekte der damaligen Faszination ab – von der Beschaffenheit des Wassers und der Wellen, dem Ökosystem des Ozeans, der Menschen und Kulturen der Küsten, bis hin zur Bedeutung des Meeres für unsere Vorstellungskraft.
„Das Moderne in der heutigen Kunst ist das Vorübergehende, das Flüchtige, das Zufällige: die eine Hälfte der Kunst. Das Ewige und Unbewegliche macht die andere Hälfte aus.“
Das Meer malen
Étretat lässt Monet nicht los. Jedes Jahr zwischen 1883 und 1886 zieht es ihn an den einzigartigen Küstenort. Anfangs stehen ihm dabei die Bilder Gustave Courbets vor Augen, doch zunehmend überwiegt die Suche nach dem eigenen, immer neuen Seheindruck. In zahlreichen mitreißenden Gemälden schildert Monet die mächtigen Felstore im Wasser des Atlantiks.
Ich habe vor, ein großes Gemälde der Klippen von Étretat anzufertigen, obwohl es schrecklich gewagt von mir ist, dies nach Courbet zu tun, der sie so wunderbar wiedergegeben hat, aber ich werde versuchen, es anders zu machen (…).“
Auf den Spuren von Gustave Courbet: Das Gemälde Stürmisches Meer bei Étretat von 1883 malt Monet sechs Jahre nach dem Tod seines Trauzeugens. Den Eindruck eines tosenden Seesturms – die aufgepeitschten Wellen im fahlen Licht – bringt er gekonnt auf die Leinwand.
Unverfälschte Landschaften
Wahrscheinlich stand Monet am Fenster des Hôtel Blanquet, als er mit dem Malen von Stürmisches Meer bei Étretat begann. Für viele seiner Bilder arbeitete er jedoch mitten in der Landschaft und setzte sich den Launen von Wind, Wetter und Licht aus. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war die Freilichtmalerei in Frankreich in Mode gekommen und ging mit dem Wunsch vieler Künstler nach Aufrichtigkeit und Unmittelbarkeit einher: Die Sinneseindrücke eines Malers sollten sich möglichst unverfälscht auf die Leinwand übertragen. Entsprechend dachte man auch über die Funktion von Landschaftsgemälden nach. Der Kunstkritiker Champfleury (1821–1889) argumentierte beispielsweise, ein „wahrhaftiges“ Naturbild könne die überreizten Gemüter der Großstädter beruhigen und helfen, dem Stress des modernen Lebens für einen Moment zu entfliehen: Die Landschaftskunst sei „für Menschen gemacht, die eingesperrt leben.“
Monet hatte Courbets Gemälde der Porte d’Aval 1882 gesehen – versammelt auf dessen posthumer Ausstellungsretrospektive in Paris. Das Motiv der Boote am unteren rechten Bildrand übernimmt er für sein eigenes Bild des stürmischen Meeres. In den folgenden Monaten und Jahren sollte Monet sich in insgesamt 17 weiteren Darstellungen dem Blick auf den Aval-Felsen widmen – aus unterschiedlichen Standpunkten, in verschiedenen Wetterlagen und Lichtstimmungen.
Monet verfolgt seine impressionistische Landschaftskunst mit Hingabe: Das Einfangen eines einzigartigen, nicht wiederholbaren Augenblicks im Fluss der Zeit und Wahrnehmung ist sein Ziel. Nie genügt ein einzelnes Bild eines Motivs: Zahlreiche, variierende Darstellungen betonen die Wandelbarkeit der Landschaftserscheinung – je nach Lichteinfall, Wetterlage und Jahreszeit, aber auch der Gemütslage des Künstlers.
Subjektives Sehen
Bahnbrechende Forschungen zum menschlichen Sinnesapparat hinterfragten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Idee einer stabilen Wahrnehmung der sichtbaren Welt. Die Vorläufer der Neurowissenschaften belegten schon damals: Bestimmte Wahrnehmungsmuster sind physiologisch gesteuert. Visuelle Reize werden außerdem mit individuell Vorgeprägtem und Erinnertem abgeglichen. Monet und viele seiner Zeitgenossen beschäftigten sich ausgiebig mit den Erkenntnissen. Die Einsicht, dass es den einen, rein objektiven Natureindruck nicht geben kann, prägte ihre Kunst.
„Um das Meer wirklich zu malen, muss man es jeden Tag, zu jeder Stunde und vom selben Standpunkt aus sehen, um sein Dasein genau an diesem Ort zu kennen (…).“
Monets Küste
Claude Monets Wiedergaben der Felstore von Étretat sind eine Augenweide und laden zum Schwelgen ein: Das Gefühl kontemplativer Naturerfahrung geht von den Gemälden aus. Beinahe verborgen bleiben die obsessiven Mühen, die Monet im Malprozess aufzubringen bereit war.
Von Moment zu Moment und Ort zu Ort eilend – Monet arbeitet in Étretat gleichzeitig an mehreren Leinwänden. Was er auf den Stränden und Felsen mit Blick auf die Bucht und Küste beginnt und, je nach Stimmung, Tageszeit und Wetterlage weitermalt, vollendet er teilweise Wochen später in seinem Atelier.
„Kinder folgten ihm, die seine Leinwände trugen, fünf oder sechs Leinwände, die alle das gleiche Motiv zu verschiedenen Tageszeiten und in unterschiedlichen Stimmungen wiedergaben.“
Malerei in Serie
Monets obsessive Arbeitsweise in Étretat – das variationsreiche Malen eines Motivs auf mehreren Leinwänden– nahm vorweg, womit der Impressionist ab den 1890er Jahren Furore machen sollte: Angesichts von Heuschobern, der Fassade der Kathedrale von Rouen oder später des legendären Seerosenteichs in Giverny entwickelte Monet erstmals das moderne Prinzip der seriellen Malerei. Bis heute gehören Monets „Serien“ zu den berühmtesten Kunstwerken der Welt. Jedes Bild kann dabei als ein eigenständiges Kunstwerk betrachtet werden, ist jedoch als Teil der Serie theoretisch austauschbar. Die eigentliche künstlerische Bedeutung und Wirkung entfaltet sich erst in der Gesamtschau der Serie.
Auf der Jagd nach immer neuen Impressionen soll der Künstler einmal fast ertrunken sein, als ihn die Flut an der Manneporte überraschte. Sein Gemälde des mächtigen Felsbogens von 1883 scheint den Moment der Überwältigung zu spiegeln: Inmitten des Tosens von Felsen, Gischt und Wellen lassen sich zwei winzige Figuren im Bild erkennen.
„Es war für mich eine Freude, dieses Meer in seiner Raserei zu sehen; es war wie eine Sinnesüberflutung.“
Die majestätische Manneporte im gleißenden Licht: Den Felsen im Südwesten Étretats hat Monet ebenfalls in unterschiedlichsten Stimmungen auf der Leinwand gespiegelt. Der unermüdliche Versuch, seine einzigartige Naturerfahrung durch die Kunst zu übermitteln, brachte ihn teilweise an den Rand der Erschöpfung.
Die sichtbare Welt kann nie vollständig erfasst oder fixiert werden: Diese Erfahrung der Moderne liegt Monets Kunst zugrunde. Während romantische Maler die „Naturwunder“ der Felstore von Étretat bestaunten, drehen sich Monets Gemälde um die Unfassbarkeit und Flüchtigkeit der Welterscheinung und -wahrnehmung. Seine Meeresbilder laden zum Versenken und Verlieren ein.
Claude Monets hinreißende Darstellungen Étretats tragen bis heute zum Mythos des Küstendorfes bei. Doch nicht nur die impressionistische Malweise fand hier entscheidende Impulse. Étretat und seine Felstore zogen zahlreiche Künstler des 19. Jahrhunderts in ihren Bann. Kaum ein Ort kann stärker bezeugen, wie die Malerei modern wurde.
Blickfang
Étretat bleibt im 20. Jahrhundert ein Anziehungspunkt: Felix Vallotton (1865–1925), Henri Matisse (1869–1954), Maurice Denis (1870–1943) und viele andere Künstler widmen sich dem Ort in ihren originellen Bildsprachen. Ihre Ansichten der Bucht von Étretat spiegeln die sich wandelnden Vorstellungen über den Charakter von Küstenlandschaft und Kunst.