19. März—5. Juli 2026

Monets Küste

Die Entdeckung von Étretat

Aus den Brandungswellen des Atlantiks erheben sich imposante Felstore: Der kleine Ort Étretat am Ärmelkanal besticht durch seine atemberaubende Naturkulisse. Schon im 19. Jahrhundert zog es zahlreiche Künstler und Reisende an die raue Küste der Normandie. Das einst abgeschiedene Fischerdorf Étretat verwandelte sich zum Touristenparadies und wurde zum Schauplatz der Erneuerung der Malerei.

Namhafte Künstler – von Eugène Delacroix und Gustave Courbet bis zu Henri Matisse – übersetzten ihren Natureindruck in faszinierende Kunstwerke. Besonders Claude Monets impressionistische Darstellungen spiegeln den Wandel von Étretat: Ihre mitreißende Wirkung lässt die Geschichte von Monets Küste lebendig werden.

„Es gibt [in Étretat] viel zu malen für einen Maler, und viel zu träumen für einen Dichter.“

Leitch Ritchie, Travelling Sketches on the Sea Coasts of France, 1834

Bei Sonnenschein glänzt die hohe Steilküste weiß im Licht: Dreißig Kilometer von Le Havre entfernt, zwischen den Mündungen der Seine und der Somme gelegen, ist Étretat mit seinen einzigartigen Felsformationen ein berühmter Sehnsuchtsort.

Claude Monet, Steilküste von Aval, 1885
Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm, Sammlung Hasso Plattner, Inv.-Nr. MB-Mon-21 © Hasso Plattner Collection

Über­tourismus

Einst ein vergessener Ort der Provinz, heute heimgesucht von den neuesten Formen des Massentourismus: Das ohnehin beliebte Reiseziel Étretat wurde jüngst in dem Serienhit eines Streamingdienstes porträtiert. Über eine Million Besucher aus aller Welt drängen nun jährlich in das 1200-Seelen-Dorf. Die Handlung der Serie ist an die berühmten Erzählungen rund um den Meisterdieb Arsène Lupin angelehnt – eine klassische Figur der französischen Literaturgeschichte. Deren Autor Maurice Leblanc (1864–1941) kaufte 1918 eine Villa inmitten von Étretat und benannte sie nach seinem Romanhelden.

Der Wunsch vieler Fans, in die Welt ihrer Lieblingsserie abzutauchen, bringt für den kleinen Ort das Fass zum Überlaufen: Denn die Menschenströme führen zum Übertourismus und gefährden die fragile Küstenlandschaft. Seit Mai 2025 ist der Zugang zu den ikonischen Felstoren wegen starker Erosion weitestgehend gesperrt.

Francesco Falconetti, Lungomare di Étretat, Normandia, 2024
CC BY 4.0, Wikimedia Commons

Das Lichtspiel auf den Kreidefelsen von Étretat bietet eine scheinbar unerschöpfliche Vielfalt an Impressionen: Porte d’Amont, Porte d’Aval und Manneporte – so lauten die Namen der drei mächtigen Felstore, die nicht nur Claude Monet inspirierten.

Claude Monet, Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval, 1885
Öl auf Leinwand, 65,1 x 81,3 cm, Clark Art Institute, Williamstown, acquired by Sterling und Francine Clark, 1933, Inv.-Nr. 1955.528 © The Clark Art Institute
@CyranoVolante, Le falesie di Etretat, in Normandia
https://youtu.be/tSikRHdvE68?si=3KcBoIXIZgf5jQGb

„Wenn ich einem Freund zum ersten Mal das Meer zeigen müsste, würde ich Étretat wählen.“

nach Alphonse Karr (1808–1890), französischer Schriftsteller
1

Raue Schönheit

Der Strand eines charmanten Fischerdorfes, gerahmt von einzigartigen Felsen: Was Claude Monets Gemälde in der hellen Farbigkeit und lockeren Malweise des Impressionismus zeigt, hatte bereits Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Besucher von Étretat begeistert.

Monet schildert 1883 hübsche, bunte Fischerboote vor dem Hintergrund der Porte d’Amont. Schon damals vergleicht der Schriftsteller Guy de Maupassant (1850–1893) den mehrfach gewölbten Felsbogen nordwestlich von Étretat mit einem „riesigen Elefanten, der aus dem Meer trinkt.“

Paul Gaillard, Étretat. Die Porte d'Amont, um 1855
Abzug auf Albuminpapier, 16,1 x 13,4 cm (Abzug), 31 x 23,5 cm (Trägerkarton), Bibliothèque nationale de France, Paris, Département des Estampes et de la Photographie, Inv.-Nr. EO-83-BOITE FOL A, © Bibliothèque nationale de France
Claude Monet, Schiffe am Strand von Étretat, 1883
Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm, Fondation Bemberg, Toulouse, Inv.-Nr. 2077, © 2023 Fondation Bemberg / Mathieu Lombard

Mehrere Künstlergenerationen waren von den mächtigen Kreidefelsen fasziniert: Knapp 100 Jahre vor der Entstehung von Monets Gemälde hatten erste Maler ihren Weg in das abgeschiedene Küstendorf gefunden. Die frühesten Darstellungen Étretats kündigen Ende des 18. Jahrhunderts einen kulturellen Wandel an: Die Naturerfahrung – das Staunen angesichts landschaftlicher Schönheit – entwickelte sich zum Motor der Kunst.

„Es drängte mich, (…) die Kunstwerke der Natur anzustaunen.“

Jakob Venedey, Reise- und Rasttage in der Normandie, 1838

Schöner Felsen

Als habe der Künstler Alexandre Jean Noël (1752–1843) mit Blick auf die majestätische Porte d’Aval südöstlich von Étretat spontan innegehalten und geschwelgt: Die Zeichnung von 1786 verrät ein großes Interesse für die Beschaffenheit der Felsformationen und die Schönheit der Küstenlandschaft.

Erste Darstellung

Noëls Zeichnung gilt als erste bekannte Darstellung der Bucht von Étretat. In den 1780er Jahren war das kleine Fischerdorf noch weitestgehend unbekannt. Die raue Küste des Nordens hatte jahrhundertelang als furchterregend gegolten.

Austernbecken

Vor dem Felsen der Porte d’Aval lassen sich Austernbecken erkennen. Die Muschel-Delikatessen wurden in Étretat über Monate geschmacksveredelt und mit dem Pferd über Nacht nach Paris geliefert. Tatsächlich wurde die Zeichnung von einem Austernhändler zu Werbezwecken in Auftrag gegeben. Vor der Französischen Revolution verbreitete er die Legende, seine Meeresfrüchte würden von Marie-Antoinette persönlich verspeist.

Alexandre Jean Noël, Étretat. Blick auf die Austernparks, um 1786
Bleistift und Aquarell auf Papier, 17,5 x 38,7 cm, Frits Lugt Collection, Fondation Custodia, Paris, erworben 2008, Inv.-Nr. 2008-T.38 © Fondation Custodia

Welt im Umbruch

Eine Zeit enormer Umbrüche: Im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderte die Industrielle Revolution die gesellschaftlichen Strukturen Europas grundlegend. Während Wissenschaft und Technisierung viele Bereiche des Lebens umwälzten, begann man die entlegenen Regionen des Kontinents zu bereisen und zu vermessen. Gleichzeitig wuchs der Wunsch, den neuen industrialisierten Realitäten zu entkommen: Die individuelle Kultur- und Naturerfahrung wurde zunehmend zum Moment des Träumens, Entfliehens und der Erholung. Frankreich war währenddessen politisch tief gespalten. Seit der Französischen Revolution standen republikanische und pro-demokratische Kräfte den Befürwortern der Monarchie gegenüber. Mehrfach kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Umstürzen. Besonders die Herrschaft Napoleons III von 1852 bis 1870 bedeutete die Rückkehr einer autoritären, monarchischen Staatsordnung.

Begeisterte Blicke

Steile Klippen und ein tosender Ozean – das Naturspektakel zieht ab den 1820er Jahren Künstler aus ganz Europa nach Étretat. Die atemberaubende Küste trifft den Nerv der Zeit und inspiriert zum Staunen, Schaudern und zur künstlerischen Wiedergabe.

Malerische Reisen

Horace Vernet, Der Strand von Étretat mit der Porte d’Aval, Seite aus einem Skizzenbuch, um 1819
Bleistift auf Papier, 20 x 26 cm, Privatsammlung © Christophe Fouin
Titelseite von: Charles Nodier, Voyages pittoresques et romantiques dans l'ancienne France. Ancienne Normandie, 1825
Die Felsen von Etretat an der normännischen Küste, Abbildung 195 aus: Meyer’s Universum, 1838
Joseph Meyer, Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Bd. 5, Wikimedia Commons
Friedrich Salathé, Étretat, Ansicht von der Küste, aus: „Excursion sur les côtes et dans les ports de Normandie“, 1825
Aquatintaradierung nach Lutringshausen, J.F. Osterwald, Excursion sur les côtes et dans les ports de Normandie, 1823-1825
Victor Hugo, Zeichnung von Étretat. Südliche Klippen (Die Porte d’Aval und die Aiguille), 1835
Bleistift auf Papier, 15,5 x 8,7 cm, Reisetagebuch 25.7- 15.8.1835, folio 17 recto, Maison de Victor Hugo, Paris, Don de Paule Langlois-Berthelot, 1973, Inv.-Nr. 990, CC0 Paris Musées / Maisons de Victor Hugo, Paris und Guernsey

Malerische Reisen

Reiseführer verlieren im Digitalzeitalter an Bedeutung – im 19. Jahrhundert erreichten sie überhaupt erst ihre moderne Form. Großangelegte Publikationen wie die Voyages pittoresques (franz. etwa „Malerische Reisen“) versammelten ab den 1820er Jahren die Sehenswürdigkeiten Frankreichs. Auch weithin unbekannte Orte der Normandie wurden so als Bildungs- und Reiseziele entdeckt. Immer mehr Menschen, die es sich finanziell und zeitlich leisten konnten, begeisterten sich für die Kulturgeschichte und Naturschönheit der entlegenen Winkel Europas. 1835 reist beispielsweise der berühmte Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Juliette Drouet (1806–1883), aus Paris nach Étretat – der Strapaze einer damals zweitägigen Reise mit der Postkutsche zum Trotz!

„Was ich in Étretat gesehen habe, ist bewundernswert. (…) Das [Felsgefüge] ist die gigantischste Architektur, die es gibt.“

Victor Hugo, Brief an Adèle Hugo, 10. August 1835

Er gilt als der „Entdecker“ von Étretat: Der romantische Marinemaler Eugène Isabey (1803–1886) ist der erste Künstler, der sich um 1820 länger im Küstendorf aufgehalten und bei einem ehemaligen Kapitän gewohnt haben soll. Der hocherfolgreiche Maler trug entscheidend zur wachsenden Beliebtheit des Küstenortes bei.

Eugène Isabey, Étretat. Der Strand und die Porte d’Amont, , um 1840–1855
Aquarell und Gouache auf Papier, 22,8 × 33,5 cm, Privatsammlung, © Lyon MBA, Foto: Alberto Ricci

„Einer der ersten Fremden, die diese Gegend besuchte, war zweifellos Monsieur Isabey, der berühmte Marinemaler.“

Gustave Nicole, Sur la plage. Étretat, 1861

Marine­maler

Eugène Isabeys Erfolg war immens: Während der Julimonarchie (1830–1848) wurde er als Hofmaler von König Louis-Philippe I. mit allen staatlichen Ehren ausgezeichnet. Sein Fokus auf die Marinemalerei – auf Darstellungen von Schiffen, Küstenfelsen und dem offenen Meer – war ihm in die Wiege gelegt. Denn schon sein Vater galt als einflussreicher Künstler und Landschaftsillustrator. Meer und Küste sowie die Darstellung fremder Länder und Kulturen waren damals besonders beliebte Motive. Die kulturelle Faszination ging mit politischen Realitäten einher: Das Bestreben nach Expansion und Imperialismus befeuerte die französische Außenpolitik. Auch Eugène Isabey begleitete 1830 den französischen Eroberungskrieg im heutigen Algerien. Seine Darstellung der Landung der Truppen auf der Halbinsel Sidi-Fredj dokumentiert den historischen Beginn der brutalen französischen Kolonialherrschaft in Nordafrika.

Eugène Isabey, Blick auf die Festung Bertheaume, 1850
Öl auf Papier, auf Leinwand aufgezogen, 30,3 x 63,3 cm, Foundation Custodia, Collection Frits Lugt, Paris, Inv. 2011-s.1, Wikimedia Commons
Eugène Isabey, Landung der französischen Truppen auf der Halbinsel Sidi-Fredj, 1830
Lithografie aus: Baron Denniée, Précis historique et administratif de la campagne d'Afrique, Paris 1830, Abb. 4, Quelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France

Große Küsten- und Meeresbilder – dafür war Isabey bekannt. Seine romantischen Gemälde sind voller Pathos und Dramatik. Die Kunst der Romantik spiegelt das menschliche Erschauern angesichts gewaltiger Naturkräfte.

Eugène Isabey, Sturm am Strand von Étretat in der Normandie, 1851
Öl auf Leinwand, 62,7 x 91 cm, Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK-1296, © Hamburger Kunsthalle, Foto: Elke Walford

Staunen und Schaudern

Paul Flandrin, Klippe am Meer, um 1863-1868
Öl auf Papier, aufgezogen auf Leinwand, 27 × 38,5 cm, Privatsammlung, Courtesy Concorde Fine Arts
Anselm Feuerbach, Das Felsentor Manneporte bei Étretat, 1869
Niedersächsisches Landesmuseum Hannover © Landesmuseum Hannover – ARTOTHEK
Johann Wilhelm Schirmer, Am Strand von Étretat, um 1836
Aquarell auf Papier, 11 x 21,2 cm, Museum Zitadelle Jülich, Landschaftsgalerie, Inv.-Nr. 2021-0565 © Museum Zitadelle Jülich – Landschaftsgalerie − Foto: Bernhard Dautzenberg

Staunen und Schaudern

Geheimnisvolle, uralte Felsen und die großen Weite des Ozeans: Gemälde der Romantik vermitteln häufig das Gefühl der Unermesslichkeit. Davon waren Philosophen, Schriftsteller und Künstler bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts fasziniert. Mit dem Begriff des „Sublimen“ oder „Erhabenen“ beschrieben sie die Anmutung von etwas Großem, das die Grenzen des Gewohnten und Begreifbaren übersteigt und ein lustvolles Erschauern auslöst. Einflussreiche Denker – von Edmund Burke, über Immanuel Kant und Friedrich Schiller – waren sich einig: Der intensive Schauder des Erhabenen verhelfe dem Menschen erst, sich seiner Bestimmung in der Welt bewusst zu werden.

„Die Wunder der kecken Kunst, die das Meer hier, den Fels zerreissend, geschaffen hatte, erschütterten meine Seele.“

Jakob Venedey, Reise- und Rasttage in der Normandie, 1838

Ehrfürchtige Blicke auf die Felsen am Meer: Unter Eugène Isabeys zahlreichen Étretat-Bildern beeindrucken seine feinen Aquarelle. Mit tastendem, forschendem Blick umkreist der Künstler die Gesteinsformationen und vermittelt seine Begeisterung für die Geheimnisse der sichtbaren Welt.

Eugène Isabey, Blick vom Strand auf die Felsen von Étretat, um 1830-1850
Bleistift, Aquarell und Gouache auf Papier, 25 x 33,6 cm, Privatsammlung, Courtesy Galerie Paul Prouté
Eugène Isabey, Étretat. Die Porte d'Amont, um 1851
Bleistift, Aquarell und Gouache auf Papier, 24,2 × 33,5 cm, Musée du Louvre, Paris, Département des Arts graphiques, erworben 1864, Inv.-Nr. MI 976, © bpk / GrandPalaisRmn / Thierry Le Mage

Erdzeit­geschichte

Zwischen 75 und 84 Metern Höhe erreichen die Felsen von Étretat! Vor etwa 90 Millionen Jahren, in der mittleren Kreidezeit, entstanden sie aus der Ablagerung von Meeresorganismen: Bänder aus hartem Feuerstein ziehen sich durch die weichen Kalksteinwände. Tektonische Kräfte – Bewegungen der Erdoberfläche – hoben die Steilküste der Normandie vor etwa zwei Millionen Jahren an. Die einzigartigen Felsformationen entstanden durch das Zusammenwirken mehrerer Prozesse: Vom Aufprall sedimenthaltiger Wellen, über plötzliche Temperaturschwankungen bis hin zur zerklüftenden Erosion der Klippen. Ihr Aussehen und ihre geologischen und erdzeitlichen Ursprünge fesselten im 19. Jahrhundert nicht nur die Künstler, sondern auch die Welt der Wissenschaft: So fanden die Felsen in zahlreichen Sachbüchern Erwähnung und beschäftigten die aufkommenden Disziplinen der Geologie und Mineralogie.

Titelblatt von: Karl Cäsar Leonhard, Geologie oder Naturgeschichte der Erde, 1836

Mit Bewunderung und Wissensdrang begegnen Künstler der einzigartigen Küstenlandschaft: Der deutsche Maler Johann Wilhelm Schirmer (1807–1863) gestaltet 1836 in Ölfarbe Studien der Felsenküste von Étretat. Seine Bilder vereinen die genaue Beobachtung mit einer romantischen Überhöhung des Gesehenen. Ihrer aufwühlenden Sogwirkung kann man sich bis heute kaum entziehen.

Johann Wilhelm Schirmer, Felsküste bei Étretat, 1836
Öl auf Leinwand, auf Pappe aufgezogen, 40,8 x 31,8 cm, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Dauerleihgabe der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Inv.-Nr. Lg 1740 © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Johann Wilhelm Schirmer, Meeresstudie bei Étretat (mit Felsküste zur Linken), 1836
Öl auf Leinwand, auf Pappe aufgezogen, 32,2 x 41,9 cm, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Dauerleihgabe der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Inv.-Nr. Lg 1741 © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Romantiker

Johann Schirmer war immer auf der Suche nach beeindruckenden Landschaften. Gerade in seiner Zeit als Hilfslehrer – bevor er 1839 zum Professor der Düsseldorfer Kunstakademie berufen wurde – reiste er ausgiebig quer durch Europa: so auch 1836 von den Berner Alpen bis nach Étretat und wieder zurück. Schirmer nutzte das Freilichtstudium, das Zeichnen und Skizzieren mit Ölfarben und Aquarell im Freien, um unmittelbar den Natureindruck einzufangen.

Seine Studien kamen beim Unterrichten von Studenten zum Einsatz und dienten als Vorlagen für seine monumentalen Landschaftsbilder. Schirmers opulente Kunst fand auch in Frankreich Anklang: 1838 erhielt er die Goldmedaille des Salons der Pariser Kunstakademie, der damals wohl wichtigsten Kunstschau Europas.

Johann Wilhelm Schirmer, Via Mala, oben die steinerne Brücke, 19. Jahrhundert
Schwarze Kreide auf Papier, 410 x 530 mm, Graphische Sammlung, Städel Museum, Public Domain
Johann Wilhelm Schirmer, Das Wetterhorn, ca. 1837/38
Öl auf Leinwand, 53 x 50 cm, Städel Museum, Inv. Nr. 1187, Gemeinfrei

„Étretat ist eine unerschöpfliche Goldmine der Malerei. Es ist ein wahres Kalifornien, das die Alben der Künstler füllt.“

Abbé Cochet, Étretat. Son passé, son présent, son avenir, 1850

Selbst die bekanntesten Künstler der Zeit zieht es nach Étretat: In den 1840er Jahren zeichnet der einflussreiche französische Maler Eugène Delacroix (1798–1863) – ein Freund Eugène Isabeys – vor den Felstoren. Seine Aquarellstudie der Porte d’Aval übersetzt den Natureindruck in eine prozesshafte, moderne Zeichenkunst.

Erst der Zusammenklang der Farben erzeugt die dichte Atmosphäre der Landschaftsstudie: Die abwechslungsreich gesetzten Pinselstriche betonen die individuelle, „gefühlte“ Wahrnehmung der Abendstimmung. Eugène Delacroixs Zeichnung sollte auch Claude Monet begeistern. Nach 1891 erwirbt er das Blatt für seine eigene Kunstsammlung. In der Studie seines Vorgängers mag er eine Vorahnung der Malweise des Impressionismus gesehen haben.

Eugène Delacroix, Étretat, Die Porte d’Aval, ca. 1840 oder 1846
Bleistift, Aquarell und Gouache auf Papier, 15 x 20 cm, Musée Marmottan Monet, Paris Vermächtnis von Michel Monet, 1966. Inv. 5053 © Musée Marmottan Monet

„Ich bin verrückt nach Küste und Meer.“

Eugène Delacroix, Brief an J.B. Pierret, 1. August 1825
2

Küsten­paradies?

Alte Fischerboote am Strand als Farbakzente vor der milchig-trüben Meeresflut: Claude Monets impressionistisches Farbenspiel fasziniert. Dennoch vermittelt sein Gemälde Boote am Strand von Étretat eine im 19. Jahrhundert weitverbreitete Nostalgie. Während qualmende industrielle Zentren und expandierende Großstädte entstehen, wächst die Sehnsucht nach Erholung und Ursprünglichkeit. Die Anfänge des modernen Tourismus verändern auch Étretat – vom Fischerort und Künstlertreff zum mondänen Badeort.

Monet schildert mit wenigen, schwungvollen Pinselstrichen eine eigentümliche Hütte am rechten Bildrand: Es ist eine Caloge, ein zur reetgedeckten Strandhütte umgebautes, ausgedientes Boot. Die Fischer von Étretat nutzten es zur Aufbewahrung ihrer Netze, Bojen und Taue.

Alphonse Davanne, N° 5 – Étretat. Caloges und Gangspill (cabestan), um 1862
Abzug auf Albuminpapier, 11,2 x 19,7 cm (Abzug), 21,5 x 26,7 cm (Tafel), Bibliothèque nationale de France, Paris, Département des Estampes et de la Photographie, Inv.-Nr. EO-60 BOITE FOL-B © Bibliothèque nationale de France
Claude Monet, Boote am Strand von Étretat, 1883
Öl auf Leinwand, 65 x 92 cm, Leipzig, Museum der bildende Künste Donation Bühler-Brockhaus © bpk / Museum der bildenden Künste, Leipzig, Schenkung Sammlung Bühler-Brockhaus / Ursula Gerstenberger

Von der Arbeitshütte zur Touristenattraktion der Normandie – die Caloges dienen heute mancherorts als Strandcafés. Als Monet 1883 das Gemälde der Fischerboote malt, sind die charakteristischen Bauten in Étretat bereits zur Sehenswürdigkeit geworden – für den stetig wachsenden Zustrom an Küstenbesuchern.

„Étretat wird immer atemberaubender. (…) Der Strand mit all den schönen Booten ist großartig.“

Claude Monet, Brief an Alice Hoschedé, 20. Oktober 1885

Moderner Tourismus

Reisen zum Zeitvertreib und aus Neugierde, ganz ohne beruflichen Zweck: Was heute selbstverständlich scheint, entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert zum gesellschaftlichen Phänomen. Noch 1872 führt das berühmte französische Lexikon Dictionnaire Littré den Begriff des „touriste“ auf die englische Tradition der Grand Tour zurück: Die rituelle Bildungsreise hatte junge Männer der englischen (und nordeuropäischen) Oberschicht seit dem 17. Jahrhundert in die kulturellen Zentren Europas gebracht und gilt tatsächlich als Vorläufer des modernen Tourismus. Dieser mauserte sich im 19. Jahrhundert zur Industrie und war nicht mehr nur dem Adel vorbehalten: Eisenbahn und Dampfschifffahrt machten Kurorte, Bäder sowie landschaftliche und kulturelle Sehenswürdigkeiten leichter erreichbar. Der englische Unternehmer Thomas Cook (1808–1892) war der Erfinder der Pauschalreise: Bereits ab den 1840er Jahren bot er Reisen an die englische Küste, nach Frankreich, Deutschland, Italien oder sogar Ägypten im Komplettpaket an – all inclusive für alle, die Zeit und Geld mitbrachten.

Sommer­frische

Ein abgeschiedenes Fischerdorf rückt in greifbare Nähe: 1838 führt ein erster befestigter Weg nach Étretat, einige Jahre später folgen Straßenverbindungen von Fécamp im Norden und Le Havre im Süden, ab 1890 sogar eine Eisenbahnstrecke aus Paris. Das Erscheinungsbild Étretats verändert sich: Sommervillen wohlhabender Städter, eine Badeanstalt und ein Kasino säumen schließlich den Strand.

„Seit 1820, als Isabey begann, Étretat (…) zu erschließen, kommen sie jeden Sommer zu Hunderten.“

Abbé Cochet, Étretat. Son passé, son présent, son avenir, 1850

Das älteste Gasthaus des Dorfes, das Hôtel Blanquet, hatte lange als Geheimtipp der Künstler und Schriftsteller gegolten – ab Mitte des 19. Jahrhunderts empfängt es unter dem Spitznamen „Au Rendezvous des Artistes“ (frz. „Zum Treffpunkt der Künstler“) auch die Sommerfrischler. Der erfolgreiche Pariser Maler Eugène Le Poittevin (1806–1870) bemalt 1842 ein Holzschild für die Fassade des Hotels – im Moment des einsetzenden Wandels des Ortes.

Neurdein Frères, Étretat. Das Hôtel Blanquet
Postkarte, 8,9 cm x 13,7 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, © Städel Museum, Frankfurt am Main
Eugène Le Poittevin, Der Strand von Étretat. Schild des Hôtel Blanquet, um 1842
Öl auf Holz, 69 x 194 cm, Fécamp, Les Pêcheries-musée des Fécamp Achat, 1952, Inv.-Nr. FEC.226 © Musée de Fécamp / Foto: François Dugué

Im Hintergrund die Kreidefelsen, davor das geschäftige Treiben der Fischer am Strand, die Caloges und ein zeichnender Künstler, der auf das weite Meer blickt: Im Vordergrund des Holzschildes verkünden die Figuren der zwei aufwendig gekleideten Städterinnen den beginnenden Tourismus. Le Poittevins Schild wirbt mit dem, was die Sommergäste Étretats erwarteten: Strand, Felsen und die Begegnung mit den Dorfbewohnern.

Eugène Le Poittevin

Eugène Le Poittevin (1806–1870) ist heute weitestgehend vergessen, doch zu Lebzeiten galt er als einer der bekanntesten Künstler von Paris. Studiert an der renommierten École des Beaux Arts, feierte er im Salon, der jährlichen Ausstellungsplattform der Kunstakademie, viele Erfolge. Neben seiner offiziellen Marinemalerei – den Seeschlachtszenen und Küstenlandschaften – betätigte sich Le Poittevin auch als Lithograph und Karikaturist: Seine erotischen und politischen Satiren wurden berühmt-berüchtigt. 1849 erwarb er als einer der ersten Städter in Étretat ein Grundstück an der Porte d’Aval, auf dem er ein Wohn- und Atelierhaus besaß. In seiner 1858 im Ortskern erbauten Villa La Chaufferette (frz. „das Stövchen“) wurde er zum geschätzten Gastgeber der Étretat bereisenden Künstler, Literaten, Schauspieler und Komponisten.

Eugène Le Poittevin, Illustration aus "Lepoitevin. Diableries", 1832-1834
Lithographie, Fol. 8 recto, 31,5 x 39 cm, Paris, Quelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France

Eugène Le Poittevin verbrachte viel Zeit in Étretat und war mit der lokalen Bevölkerung befreundet. Als scharfer Beobachter des Ortswandels, malt er 1864 auf breiter Leinwand: Mit feiner Ironie schildern seine Gemälde das Treiben der Sommerfrischler am Strand.

Ein Tag am Meer

Ein Gesellschaftsporträt: Sommergäste in eleganter Kleidung genießen die frische Meeresluft vor dem tiefblauen Wasser. Mit einem Augenzwinkern stellt Le Poittevin stickende und lesende Frauen, gestikulierende Männer und spielende Kinder dar. Als das Bild 1864 entstand, hatte sich die Anzahl der Sommerbadegäste in Étretat bereits rasant gesteigert – auf die 1500 dauerhaften Dorfbewohner kamen etwa 4000-5000 Gäste im Jahr.

Schwimmender Literat

Der junge Mann in Badebekleidung stellt wahrscheinlich Guy de Maupassant (1850–1893) dar, der einer der namhaftesten französischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts werden sollte. Gebürtig auf einem Schloss in der Normandie, verbrachte Maupassant die Sommerzeit bei seiner Mutter in Étretat und soll ein sehr guter Schwimmer gewesen sein. Der Maler schildert den muskulösen 14Jährigen in lebhafter Unterhaltung mit zwei Sommerfrischlerinnen.

Badeservice

Ganz rechts im Bild zeigt Le Poittevin die Badeanstalt von Étretat. Vor den Umkleidekabinen nähert sich ein Badegast in gebückter Haltung einer Frau mit flachem Korb. Der Künstler inszeniert das Zusammenprallen zweier Welten: Die Urlauber aus der Stadt treffen auf die Dorfbewohner. Die wettergegerbte Haut der Frau verweist auf ihre harte körperliche Arbeit unter freiem Himmel.

Ab ins Wasser!

Die Städter wagen sich ins Meer! Was heute für viele Menschen das schönste Sommervergnügen bedeutet, war im 19. Jahrhundert neu und aufregend: Das Baden im kalten Atlantikwasser diente zunächst medizinischen Zwecken und wurde von Ärzten zur Kur verschrieben. Doch die reine Lust am Baden wuchs: Le Poittevins Gemälde zeigt die Bourgeoisie fröhlich im Wasser. Badehelfer und Bootsmänner sorgen für die Sicherheit und den Komfort der Sommergäste.

Qualmendes Dampfschiff

Schwere, graue Rauchwolken am Horizont – ein mächtiges Dampfschiff durchzieht den Ärmelkanal.  Mit dem Bilddetail erinnert der Maler an den rasanten Wandel seiner Zeit: Die Industrialisierung mit ihren technologischen Neuerungen machte auch vor Meer und Küste nicht halt. Ab 1838 ließ beispielsweise die französische Marine ihre Segelschiffe flächendeckend durch Dampfschiffe ersetzen.

Who’s Who

Einige Gesichter im Panorama der Strandurlauber tragen porträthafte Züge: Mit Zeitung und Hund hat der Maler seinen Bekannten Charles Albert d’Arnoux (1820–1882) verewigt – einen adligen Illustrator und Fotografen. In Étretat zählten sehr namhafte Kreative zum Who‘s Who der Sommergäste: Darunter auch die Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885), Alexandre Dumas (1802–1870), Gustave Flaubert (1821–1880), wie der Komponist Jaques Offenbach (1819–1880), die Schauspielerin Eugénie Doche (1821–1900) und der Opernstar Jean-Baptiste Faure (1830–1914).

Fischereigerät

Ein Fischernetz, eine Boje und ein Flechtkorb – im Vordergrund des Strand-Panoramas sind Gebrauchsgegenstände der Fischer platziert. Sie bilden das Pendant zum Kinderspielzeug und dem Kleiderberg der Städter rechts im Bild. Der Künstler verdeutlicht die sozialen Gegensätze, die der moderne Tourismus mit sich bringen kann: Überfluss, Freizeit und Finanzstärke treffen auf archaische Einfachheit, harte Arbeit und Armut.

Eugène Le Poittevin, Das Seebad. Strand von Étretat, 1865
Öl auf Leinwand, 63 x 149,4 cm, Privatsammlung, Courtesy Sotheby’s

Bade­freuden

Das dritte Seebad Frankreichs! Nach den ersten Badeanstalten im nahegelegenen Dieppe und Trouville, eröffnet 1843/44 in Étretat das Bain Duchemin. Von der Normandie aus sollte sich das Modell des Strandbadens auf ganz Frankreich ausweiten. Dabei diente das Meerwasserbaden zunächst therapeutischen Zwecken: In englischen Küstenstädten – etwa in Brighton und Scarborough – waren bereits im 18. Jahrhundert Patienten zur Gesundheitskur empfangen worden. Hintergrund war die Miasmentheorie, die medizinische Überzeugung, dass Krankheiten durch schlechte Luft oder faulende Dünste verursacht würden. Die Wirkung des kalten Salzwassers galt als heilsam. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor der Glaube an Miasmen seine Gültigkeit – das Strandbaden wurde zunehmend zum Freizeitvergnügen.

Louis Dumont, Die Badeanstalt Duchemin, undatiert
Kolorierter Holzstich, Privatsammlung
Le Creusot. Sicht auf Hochofen und Gießereien im Jahr 1844, Illustration aus: "L'Illustration, Journal Universel", 1847
Jacques-Jean Dubochet (Hrsg.), L'Illustration. Journal Universel, Vol. 10, Nr. 236, 4.9.1847, S. 12.

„[Die Frauen brachten] die vollkommenste Unordnung in das ruhige Leben von Étretat. Sie ließen die Kiesel unter dem Frou-Frou (Stoffrascheln) ihrer Kleider erzittern.“

Aus der Tageszeitung Le Figaro vom 28. August 1873

Étretat vor der Linse

Bertall (Charles Albert d'Arnoux), Sommerfrischler am Stand von Étretat, um 1867
Abzug auf Albuminpapier, 17,2 x 25 cm (Abzug), 33,3 x 42,5 cm (Trägerkarton), Sammlung Pascal Servain, Fécamp © Collection Pascal Servain
Bisson Frères, Selbstporträt neben einer Caloge, 1853
Bildtafel aus der Sammelmappe "Souvenirs photographiques, Étretat", Salzpapierabzug, 8,5 × 10,9 cm (Abzug), 23,3 × 18,4 cm (Tafel) Bibliothèque nationale de France, Paris, Département des Estampes et de la Photographie, Inv.-Nr. EO-14 (1)-PET FOL © Bibliothèque nationale de France
Paul Gaillard, Étretat. Der Strand und die Klippe von Aval, um 1855
Abzug auf Albuminpapier, 17,5 x 13,5 cm (Abzug), 31,3 x 23,7 cm (Trägerkarton), Bibliothèque nationale de France, Paris, Département des Estampes et de la Photographie, Inv.-Nr. EO-83-BOITE FOL A © Bibliothèque nationale de France
Alphonse Davanne, Étretat. Die Caïque, um 1860
Abzug auf Albuminpapier, 22,9 x 30,4 cm, Sammlung Pascal Servain, Fécamp © Collection Pascal Servain
Alphonse Davanne, N° 6 – Étretat. Maison Maigret, um 1864
Abzug auf Albuminpapier, Paris, Bibliothèque nationale de France, département des Estampes et de la Photographie, Inv.-Nr. EO-60 (2)-BOITE FOL-A © Bibliothèque nationale de France:

Étretat vor der Linse

Urlaubsfotos entstehen heute digital und massenweise – Mitte des 19. Jahrhunderts war die analoge Fotografie erst ein paar Jahrzehnte alt und wurde nur von wenigen beherrscht. In Étretat hielt die neue Technik schon ab den 1850er Jahren Einzug: Urlauber und Boote am Strand, die traditionellen Fischerhütten oder die Felsen und das Dorf – wohlhabende Gäste schossen zahlreiche Lichtbilder ihres Sommerorts. Hobbyfotografen – beispielsweise Paul Gaillard (1832 – 1890) oder der Chemiker Alphonse Davanne (1824 – 1912) – erstellten ganze Bilderserien und waren 1854 Gründungsmitglieder der Société française de photographie, der ersten fotografischen Gesellschaft der Welt.

Ein tiefgreifender Wandel: Auch die lokale Bevölkerung von Étretat passt sich an die Bedürfnisse der Sommergäste an. Wer zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch als Fischer, webende Heimarbeiterin oder Seemann der Handelsmarine tätig gewesen war, arbeitet nun meist als Hausangestellte, Gärtner oder Badekraft. Doch die Sehnsucht der Étretat-Besucher nach einer „unberührten“ Natur und Lebensart bleibt ungebrochen.

Traum der Unberührt­heit

Trotz aller Veränderungen – das Bild Étretats als ein entlegener, ursprünglicher Küstenort hat Bestand. Besonders der Blick auf die Fischer und Dorfbewohner ist bereits seit der ersten künstlerischen Entdeckung von projizierten Fantasien und Vorstellungen geprägt.

„In Étretat haftet allem ein eigentümlicher Zauber an, der die Fantasie unmittelbar fesselt.“

Joachim Michel, Causeries, 1857

Bereits Eugène Isabey hatte nicht nur die atemberaubende Küstenlandschaft Étretats, sondern auch das Dorf und seine Bewohner fernab der modernen Gesellschaft gemalt. Ein romantischer Wunsch nach Naturverbundenheit und Einfachheit prägt sein Gemälde Strand bei Ebbe von 1833. Es setzt die Häuser und Menschen des touristisch noch unerschlossenen Ortes in Szene.

Familienidyll?

Eine Fischerfamilie in schlichter Kleidung, kinderreich und eng verbunden, in ein zartes Licht gehüllt: Das Gemälde vermittelt die idealisierte Vorstellung familiärer Gemeinschaft angesichts eines „reinen“, ärmlichen Lebens. Tatsächlich konnte die Existenz in Étretat sehr hart sein: Hunger und regelmäßige Überflutungen, die das Dorf im Schlamm begruben, gehörten zum Lebensalltag.

Reetgedeckt

Windschiefe, reetgedeckte Fachwerkhäuser reihen sich dicht aneinander, aus den Fenstern ragt Stroh, Gebrauchsgegenstände lehnen an der Hauswand. Isabeys Bild deutet die harte Armut der Fischer an und vermittelt doch eine träumerische Wirkung und die Sehnsucht nach heimeliger Vertrautheit. In der Realität waren die alten Reetdachhäuser von Étretat beinahe ebenerdig gebaut, ihre Mauern bestanden aus behauenem Feuerstein.

Am Boden

Ungeordnet liegen Körbe, altes Fischerwerkzeug und ein Haufen gefischter Rochen am steinigen Strand: Das Bilddetail spielt wohl auf die Vorstellung einer „unzivilisierten“ Erdverbundenheit des Fischerdaseins an. Der Blick der mondänen Städter auf die Einfachheit des Lebens an der Küste schwankte zwischen Romantisierung und Abwertung. Auch die Betrachter und Käufer dieses Bildes konnten schwelgen, und sich doch abgrenzen.

Eugène Isabey, Strand bei Ebbe, 1833
Öl auf Leinwand, 124 x 168 cm, Musée du Louvre, Paris, Département des Peintures, erworben 1833, Inv.-Nr. INV 5433 © GrandPalaisRmn (Musée du Louvre) / Michel Urtado

Leben in Armut

Nicht nur die Künstler fassten das Leben der alteingesessenen Bevölkerung von Étretat ins Auge. Auch Schriftsteller beschäftigten sich mit den Umständen der Fischer und Heimarbeiterinnen im Küstenort. Alphonse Karr (1808–1890) – der neben Eugène Isabey maßgeblich zur Bekanntheit des Dorfes beitrug – veröffentlichte 1850 seine Histoire de Rose et de Jean Duchemin, eine tagebuchartige Aufzeichnung einer Heimarbeiterin und Fischersfrau aus Étretat. Darin wird ein Leben offenbar, das von Härte, Armut und tiefer Religiosität geprägt war – mit 16 Kindern, deren Mägen ständig knurrten.

Bertall (Charles Albert d'Arnoux), Illustration aus: Alphonse Karr, „Histoire de Rose et de Jean Duchemin“, 1877
Quelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France
Bertall (Charles Albert d'Arnoux), Illustration aus: Alphonse Karr, „Histoire de Rose et de Jean Duchemin“, 1877
Quelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France

Als der Tourismus längst Einzug gehalten hat, malt Eugène Le Poittevin zahlreiche Darstellungen der Fischer des Küstenortes. Die Bilder zeigen hart arbeitende, von Armut gezeichnete Menschen vor der atemberaubenden Kulisse der Felsen von Étretat.

Eugène Le Poittevin, Das Verholen eines Bootes. Erinnerungen an den Strand von Étretat, 1856
Öl auf Leinwand, 70,1 x 116,4 cm, Privatsammlung Brigitte und Richard Texier © Ader, Paris

In zusammengeflickter Kleidung zerren vier Fischer ein Boot auf den Strand. Im Hintergrund drehen weitere Männer mit Leibeskräften eine Spillwinde, um ein schwereres Boot aus dem Wasser zu ziehen. Le Poittevin malt die Fischer von Étretat als gesichtslose Gestalten: Nur der Mann mit der blau-rot-weißen Mütze im Vordergrund zeigt seine von Anstrengung und Wetter zerfurchte Miene. Ebenso wie die Panoramen der Sommergäste am Strand entfalten auch seine Fischer-Gemälde eine sozialkritische Note.

Rote Mützen

Fischer am Strand oder beim Gezeitenfischen – in all seinen Darstellungen setzt Le Poittevin den Männern auffällige rote Mützen auf. Solche Kopfbedeckungen waren Teil der Trachten der Fischer des nahegelegenen Dieppe. Doch gleichzeitig erinnerten sie die zeitgenössischen Betrachter wohl an eines der wichtigsten politischen Symbole im Frankreich des 18. und 19. Jahrhunderts: Den bonnet rouge, die Phrygische Mütze. Während der Französischen Revolution wurde die Kopfbedeckung – die man fälschlicherweise für den Hut befreiter Sklaven der Antike hielt – zum Zeichen von Freiheitsliebe und demokratischer Gesinnung. Le Poittevins Gemälde entstanden während des Second Empires – des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III. Der Kaiser ließ sich nach einem Staatsstreich selbst krönen und setzte der noch jungen republikanischen Verfassung Frankreichs vorerst ein Ende.

Eugène Le Poittevin, Étretat. Gezeitenfischer am Fuße der Aiguille, 1860
Öl auf Leinwand, 39,5 x 65 cm, Fécamp, Les Pêcheries-musée de Fécamp, Achat avec le concours du FRAM Normandie, 2019, Inv.-Nr. 2019.10 © Musée de Fécamp, Foto: François Dugué
Jakobinermuetze, „Bonnet rouge“
Jakobinermütze – Bonnet rouge für Herren. CC BY-NC-SA @ Gotisches Haus, Bad Homburg v. d. Höhe /Norbert Miguletz / https://hessen.museum-digital.de/singleimage?imagenr=250602

Tourismus offenbart soziale Gräben: In Étretat wird um 1860 der Strand zweigeteilt. Der nördliche Bereich, an dessen Strandpromenade die Villen und das Kasino stehen, ist von nun an streng den Badegästen vorbehalten. Der südliche Bereich gen Aval-Felsen bleibt der Ort der Fischer und Wäscherinnen – bekannt unter dem Spottnamen „Perrey des Manants (frz. etwa „Kieselanhäufung der Tölpel“).

„Étretat verfällt. (…) Diese Durchmischung mit Paris, dem mondänen Paris, so teuer dieses auch zahlt, ist für das Dorf ein Unglück.“

Jules Michelet, La Mer, 1861

Ein verführerisches Bild einer schönen, jungen Frau: Der Pariser Künstler Hugues Merle (1822–1881) inszeniert 1869 die Figur einer Wäscherin vor der ikonischen Porte d’Aval – auf den ersten Blick ein romantisch-schwelgerisches Gemälde, das das Klischeebild der Unberührtheit Étretats bedient. Doch bei näherem Hinsehen verrät das feine Stirnrunzeln der Wäscherin die Mühen eines Alltags, der unausweichlich scheint: Im Hintergrund zeichnen die hart arbeitenden, älteren Frauen ihr zukünftiges Schicksal vor.

Hugues Merle, Junges Mädchen aus Étretat, 1869
Öl auf Leinwand, 65,4 x 45,1 cm, Collection Fred and Sherry Ross, USA, Courtesy Sotheby’s

Wäscherinnen am Strand

Wäsche waschen am Strand? In Étretat war das jahrhundertelang Usus: Bei Ebbe werden Süßwasserquellen unter dem Kieselstrand freigelegt, die das Reinigen von Textilien ermöglichen. Als Symbol für die vermeintliche Ursprünglichkeit des Ortes war das Bildmotiv der Waschfrauen von Étretat über Jahrzehnte auf Kunstwerken und Postkarten sehr beliebt.

Postkarte, Étretat. Die Wäscherinnen
Neurdein Frères, Postkarte, H. 9 cm ; L. 13,6 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, © Städel Museum, Frankfurt am Main

Als habe es die Verwandlung Étretats zum mondänen Badeort nie gegeben: Eugène Boudin (1824–1898), ein Schüler Eugène Isabeys und der erste Mentor Claude Monets, lässt die Wäscherinnen vor der Porte d’Aval malerisch mit der Küstenlandschaft verschmelzen. Kleine Fischerboote fahren aufs Meer hinaus – Boudin blendet das touristische Treiben Étretats aus. Nur die Andeutung eines Dampfers am Horizont verweist auf die großen Umbrüche des 19. Jahrhunderts.

Eugène Boudin, Étretat. Wäscherinnen am Strand und die Falaise d’Aval, 1894
Öl auf Holz, 37,2 x 54,9 cm, The National Gallery of Art, Washington, Ailsa Mellon Bruce Collection, Inv.-Nr. , 1970.17.17, Courtesy National Gallery of Art, Washington
3

Monets Farben­meer

Claude Monet wird Zeuge des Wandels: Der Künstler kennt die Normandie seit Kindheitstagen und ist zeitlebens von der rauen Küste fasziniert. In Étretat verbringt er in den 1860er und 1880er Jahren mehrere längere Aufenthalte. In über 80 Gemälden widmet er sich dem Natureindruck: Die Felstore von Étretat inspirieren bedeutende Neuerungen der Malerei.

„Ich bin meiner Küste treu geblieben.“

Claude Monet in einem Interview am 3. März 1889

Berufener Künstler

Claude Monet (1840–1926) verbrachte seine Kindheit in Le Havre, der wichtigsten Hafenstadt der Normandie. Als Sohn eines Lebensmittelgroßhändlers entschied er sich früh, einen Werdegang als Künstler einzuschlagen – entgegen den Erwartungen seines Vaters. Bereits als 18-Jähriger begegnete er dem Maler Eugène Boudin, der zu seinem Mentor wurde. Mit finanzieller Unterstützung seiner Tante begann Monet 1860 ein Kunststudium in Paris. Im Laufe seiner Karriere besuchte er regelmäßig die Normandie, in deren Landschaften er unter freiem Himmel malte. Monets Weltruhm ließ auf sich warten: Finanzielle Schwierigkeiten und Unsicherheiten begleiteten sein Leben bis in die 1880er Jahre. Spätestens mit der Teilnahme an der Weltausstellung 1889, konnte sich Monet zunehmend über Anerkennung und Wohlstand freuen.

Carolus-Duran, Porträt Claude Monet, 1867
Öl auf Leinwand, 46 x 38 cm, Musée Marmottan Monet, Inv. 5114, Wikimedia Commons

Heute ist Monet für seine impressionistischen Gemälde weltberühmt. Sein Bild Steilküste von Aval von 1885 verdeutlicht die Besonderheiten der revolutionären Malweise.

Claude Monet, Étretat. Die Steilküste von Aval, 1885
Öl auf Leinwand, 65,5 x 91,7 cm, The Israel Museum, Jerusalem, Bequest of Marie Dabek, Paris, to the State of Israel, in memory of Jack and Mimi Dabek, on permanent loan to The Israel Museum, Jerusalem, from the Administrator General of the State of Israel, Inv.-Nr. L-B83.0006 © Israel Museum, Jerusalem / Bridgeman Images

Der sonnenbeschiene Felsen, umflutet vom Wasser des Atlantiks: Das Gemälde erzeugt den Anschein einer flirrenden Bewegtheit, der dem natürlichen Licht- und Farbenspiel gleichen kann. Der Effekt beruht auf den kurzen Pinselstrichen – den so genannten taches (frz. „Flecken“) –, die sichtbar auf der Leinwand stehen. Auf lange, geschlossene Linien verzichtet Monet ganz: Die Formen der Landschaft – die Felsen, Wolken und Wellen – sind rein aus Farbkontrasten und -tupfern gebildet.

„Der Impressionist sieht die Natur und malt sie, wie sie ist; das heißt, ausschließlich in Farb­schwingungen.“

Jules Laforgue, Critique d’Art – L’impressionnisme, 1883

Jede neue Malweise muss erfunden werden: Monet beginnt ausgerechnet während seines zweiten Aufenthalts in Étretat, mit den impressionistischen Maltechniken zu experimentieren. Um die touristischen Besucher zu meiden, wählt er für seinen mehrmonatigen Besuch die kühle Jahreswende 1868/69. Angesichts der majestätischen Felstore im Winterlicht kündigt sich sein innovativer Umgang mit Pinsel und Farbe an.

Claude Monet, La Porte d’Amont, Étretat, 1868/69
Öl auf Leinwand, 79,1 x 98,4 cm, Harvard Art Museum / Fogg Museum, Gift of Mr. and Mrs. Pulitzer, Jr., Harvard Art Museums/Fogg Museum © President and Fellows of Harvard College, 1957.163
Die stimmungsvolle Darstellung von 1868/69 zeigt die Porte d’Amont, am nordöstlichen Ende des Strandes von Étretat. Monet beginnt seine Gemälde en plein air, unter freiem Himmel. Um an den Strand hinter dem Felstor zu gelangen, musste er einen steilen Felsenpfad herabsteigen.
Detail: Claude Monet, La Porte d’Amont, Étretat, 1868/69
Öl auf Leinwand, 79,1 x 98,4 cm, Harvard Art Museum / Fogg Museum, Gift of Mr. and Mrs. Pulitzer, Jr., Harvard Art Museums/Fogg Museum © President and Fellows of Harvard College, 1957.163
Monet konzentriert sich auf das Spiel von Licht, Felsen und Wasser: Er setzt den Kontrast zwischen Orange und Türkisgrün geschickt ein. Auch die Pinselführung nimmt stellenweise vorweg, was Monets impressionistische Gemälde ausmachen sollten: Die Farben erscheinen als unvermalte, geschwungene Pinselstriche auf der Bildoberfläche.
Claude Monet, Étretat. Tor und Felsen von Aval, 1864
Öl auf Leinwand, 28 x 49 cm, Collection Musée Mer Marine, Bordeaux © Musée Mer Marine, Bordeaux
Eine kleinere Studie der Porte d’Aval am südwestlichen Ende des Strandes: Sie entsteht während Monets erstem Aufenthalt in Étretat in den Sommermonaten des Jahres 1864. Monets Malweise ist noch deutlich traditioneller – die Farbigkeit gedämpft und eng am Naturvorbild orientiert, die Farbkontraste des Impressionismus kommen noch nicht zum Einsatz.
Detail: Claude Monet, Étretat. Tor und Felsen von Aval, 1864
Öl auf Leinwand, 28 x 49 cm, Collection Musée Mer Marine, Bordeaux © Musée Mer Marine, Bordeaux
Die Form des Felsens bildet Monet in dem Gemälde noch aus klaren Umrissen und Farbflächen, nicht aus den Farben und Strukturen der impressionistischen taches.

Theorie der Farben

Rot und Grün oder Blau und Orange – in den Gemälden von Monet und anderer Impressionisten kommen starke Farbkontraste zum Tragen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich Theoretiker und Naturwissenschaftler ausgiebig mit den Gesetzmäßigkeiten der Farben. Vor allem die Schriften Eugène Chevreuls waren in Pariser Künstlerkreisen sehr verbreitet. Der Chemiker hatte den so genannten Komplementärkontrast definiert: Jede der drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau ist zur Mischung der beiden anderen komplementär, ergibt also für den menschlichen Sehapparat einen besonders starken Kontrast. Chevreul beschrieb auch den Simultankontrast: Wenn zwei Farben direkt nebeneinander gesehen werden, beeinflussen sie sich gegenseitig in ihrer Wirkung. Monet und seine Zeitgenossen nutzten die theoretischen Erkenntnisse für die Farbgestaltung ihrer Kunstwerke.

Illustration „Farbkreis“ aus Michel Eugène Chevreuls „Farben und ihre Anwendung in der industriellen Kunst mithilfe von Farbkreisen“
Courtesy of Science History Institute

„Ich bin hier [in Étretat] umgeben von allem, was ich liebe.“

Claude Monet, Brief an Fréderic Bazille, 10. Dezember 1868

Monet ist 1868 von Finanzproblemen geplagt. Dank der Unterstützung eines Gönners aus Le Havre kann er sich in Étretat eine Unterkunft leisten. Während seines Aufenthalts malt er nicht nur die Felsen im Meer. Auch das damals unkonventionelle Figurenbild Das Mittagessen entsteht, das heute ein Herzstück der Sammlung des Städel Museums ist: Auf großer Leinwand inszeniert Monet seine eigene Familie.

Bon appetit!

Kartoffeln und Fleisch, Salat, Weintrauben und selbstverständlich Brot – ein französisches Mittagessen! Doch das bürgerliche Familienidyll trügt: Der mittellose Monet konnte seine Freundin Camille und den unehelichen Sohn Jean kaum versorgen. Ständiges Umziehen und die Ächtung durch seinen Vater bestimmten sein Leben.

Monumental

Eine Alltagsszene auf 2,30 x 1,50 m! Monet bricht bewusst die akademischen Regeln der Kunst des 19. Jahrhunderts: Denn Leinwände dieser Größe waren traditionell der Historienmalerei vorbehalten – Darstellungen religiöser, mythologischer oder historischer Ereignisse. Ein persönliches Bild in diesem Format – das war ungewöhnlich und für manchen provokant!

Rätselhafte Zeitung

Eine zusammengefaltete Zeitung liegt neben dem Gedeck des Familienvaters und Malers: Die Buchstaben „LE FI“ verweisen auf Le Figaro, die älteste Tageszeitung Frankreichs. Zugleich spielen die Buchstaben auf das französische Wort „le fils“ an – „der Sohn“. Monet platziert die Zeitung so im Bild, dass sie auf den zweijährigen Jean zu zeigen scheint: ein väterliches Bekenntnis für das uneheliche Kind!?

Leerer Platz

Wer soll hier Platz nehmen? Der leere, zurückgeschobene Stuhl markiert den Platz des Familienvaters – des Malers selbst: Sein Gedeck steht bereit, die Zeitung liegt griffbereit, seine Liebsten sind versammelt. Das autobiografische Kunstwerk ist um ein Paradox gebaut: Obwohl Monet sich nicht in sein Bild gemalt hat, vermittelt das Gemälde seine Präsenz.

Unehelich

Monets Freundin Camille Doncieux wendet sich liebevoll dem kleinen Jean zu, hinter ihr schließt eine Bedienstete den Wandschrank. Was unbeschwert erscheint, war in der Realität belastend: Claudes und Camilles gemeinsamer Sohn wurde 1867 unehelich geboren – eine Schande im 19. Jahrhundert! Ein „Bastard“ hatte qua Gesetz keinerlei Anspruch auf Alimente. Aller gesellschaftlicher Vorurteile und dem anhaltenden Druck seines Vaters zum Trotz verstieß Monet seinen Sohn nicht und heiratete Camille wenige Monate nach Fertigstellung des Gemäldes.

Besucherin

Eine Jacke aus schillerndem Stoff, eine Kopfbedeckung mit Gesichtsschleier, dazu dunkle Handschuhe: Die Frau trägt ein Nachmittagskleid, mit der sich eine Dame beim Ausgehen auf der Straße zeigte. Ans Fenster gelehnt, erinnert die “Besucherin“ im Familienbild an das Verhältnis von Draußen und Drinnen, von Öffentlichkeit und Privatheit, von Gesellschaft und Individuum.

Rollenbilder

Auf dem Stuhl ein Korb mit Nähzeug, darunter eine Puppe und ein Ball: Während die Alltagsgegenstände Mutter und Kind gehören, verweisen der Zylinder, die Bücher und die Leselampe auf der Kommode rechts im Hintergrund auf den Vater. Die beigefügten Dinge im Gemälde unterstreichen die traditionellen Rollenbilder der Familienmitglieder. Doch Monets Geliebte Camille, sein Sohn Jean und seine eigene Vaterrolle entsprachen nicht den bürgerlichen Normvorstellungen.

Claude Monet, Das Mittagessen, 1868/69
Öl auf Leinwand, 231,5 x 151,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V., erworben 1910, Inv.-Nr. SG 170, © Städel Museum, Frankfurt am Main

Aus Étretat nach Paris: 1870 bewirbt sich Monet mit dem Mittagessen bei der Jury des Salon – der jährlich stattfindenden, prestigeträchtigen Ausstellung der staatlichen Kunstakademie. Doch die Jury lehnt ab: Erst 1874 sollte Monet das Gemälde öffentlich präsentieren, im Rahmen der berühmten ersten Impressionisten-Ausstellung in Paris. Mit der selbstorganisierten Alternative zum Salon gaben Monet und seine Künstlerfreunde ihrer neuartigen Malerei eine öffentliche Plattform.

Ver­spotteter Impressio­nismus

Claude Monet, La Grenouillère, 1869
Öl auf Leinwand, 74,6 x 99,7 cm, Metropolitan Museum of Art, Inv. -Nr. 29.100.112, Wikimedia Commons
Claude Monet, Impression, Sonnenaufgang, 1872
Öl auf Leinwand, 48 x 63 cm, Musée Marmottan Monet, Paris, Wikimedia Commons
Henri Fantin-Latour, Atelier in Batignolles, 1870
Öl auf Leinwand, 204 x 273 cm, Musée d’Orsay, Paris, Wikimedia Commons
Detail: Auguste Renoir, Nach dem Mittagessen, 1879
Öl auf Leinwand, 100,5 x 81,3 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Inv.-Nr. SG 176, © Städel Museum, Frankfurt am Main
Édouard Manet, Die Eisenbahn, 1873
Öl auf Leinwand, 93,3 x 111,5 cm, National Gallery of Art, Washington, Wikimedia Commons

Ver­spotteter Impressio­nismus

Nicht nur Das Mittagessen scheiterte an der Jury des Pariser Salon, auch Monets erste Bilder in der impressionistischen Malweise wurden abgelehnt – zu „unfertig“, zu unkonventionell. Tatsächlich fand der Name „Impressionismus“ zunächst abschätzig Verwendung: Der Kunstkritiker Louis Leroy (1812–1885) nahm damit 1874 in einem Zeitungsbeitrag spöttisch auf den Titel von Monets Bild Impression, Sonnenaufgang Bezug, das er auf der ersten Impressionisten-Ausstellung gesehen hatte. Die beteiligten Künstler hatten sich lose um den etwas älteren Edouard Manet (1832–1883) gruppiert, malten, lasen und diskutierten gemeinsam, mit dem Ziel, eine zeitgemäße Kunst zu entwickeln. Ihre Bilder zeichneten sich nicht nur durch die neue Malweise, sondern auch durch ungewöhnliche Themen aus: Flüchtige Eindrücke des modernen Großstadt- und Freizeitlebens in einer sich industrialisierenden Welt.

„Der Impressionist ist ein moderner Maler, der (…) den in der Akademie erlernten Ansatz (Linie, Perspektive, Farbe) hinter sich lässt und durch unmittelbares Erleben und Sehen, ehrlich und klar, im Licht der freien Natur arbeitet.“

Jules Laforgue, Critique d’Art – L’impressionnisme, 1883

Wellen­brausen

Moderne Kunstformen und moderne Wege, der Küstenlandschaft zu begegnen: Wenige Monate nachdem Monet in Étretat erste impressionistische Pinselstriche gesetzt hatte, besucht sein Freund und späterer Trauzeuge Gustave Courbet (1819–1877) den einzigartigen Flecken am Ärmelkanal. Étretat wird erneut zum Ursprungsort von Gemälden, die Kunstgeschichte schreiben sollten.

Eine große, schäumende Welle im Moment des Brechens an der Küste, dahinter die Weite des Ozeans – im Sommer 1869 malt Gustave Courbet erste Versionen seiner einschlägigen Wogen-Bilder, angeblich während eines tosenden Sturms in Étretat.

Gustave Courbet, Die Woge, 1869
Öl auf Leinwand, 65,6 x 92,4 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Inv.-Nr. 1433, © Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.

Bedrohlich türmt sich die Welle vor den Betrachtern auf. Krachend und schäumend scheint sie am rechten Bildrand niederzubrechen. Schon die Zeitgenossen priesen Courbets Wogen für ihre eigentümliche Wucht und erkannten die Radikalität seiner Bilderfindung. Der schillernde Künstler war für seine originellen Ideen berühmt-berüchtigt und wusste sich öffentlich zu inszenieren.

Berühmt-berüchtigt

Gustave Courbet revolutionierte die Malerei – seine Gemälde brachen gezielt althergebrachte Normen und Sehgewohnheiten und prägten ganze Künstlergenerationen. Courbets Überzeugung, Kunst müsse aus der individuellen Sichtweise des Autors entstehen, spiegelt sich in seinen eigenwilligen Landschaftsbildern wider. Als anfänglicher Verfechter eines malerischen Realismus, war eine ungeschönte Kunst sein Ziel: Statt Helden und Heiligen zeigte er Landarbeiter und Mägde. Auch in politischer Hinsicht sorgte Courbet für Schlagzeilen: Kurz nach seinem Aufenthalt in Étretat beteiligte er sich an der Pariser Kommune, die sich während des Deutsch-Französischen Krieges 1870 gegen die deutschen Besatzer und die Herrschaft Kaiser Napoleons III. erhob. Vermutlich gehörte er zu den Initiatoren der Zerstörung der Siegessäule auf der Pariser Place Vendôme – einem Symbol der Monarchie.

Gustave Courbet, Le Désespéré (Der Verzweifelte), 1843-45
Öl auf Leinwand, 45 x 54 cm, Musée d'Orsay, Inv.-Nr. 272956, Wikimedia Commons
Gustave Courber, Steinhauer, 1849
Öl auf Leinwand, 45 x 54,5 cm, Privatsammlung, Wikimedia Commons

Heute lassen sich zahlreiche Varianten der Wogen in den Museen der Welt bestaunen. Doch die Kunstwerke geben Rätsel auf: Welche tiefere Bedeutung steckt hinter den Bildern des aufschäumenden Meereswassers?

Gustave Courbet, Stürmisches Meer, 1870
Öl auf Leinwand, 116,5 x 160 cm, Musée d'Orsay, Inv. FR 213 © bpk / GrandPalaisRmn
„La mer orageuse, Das stürmische Meer“ – so betitelt Courbet sein erstes Wellenbild aus Étretat, das er 1870 im Pariser Salon, der wichtigsten Kunstausstellung Frankreichs, präsentieren sollte. Dort löste es Begeisterungsstürme beim Publikum aus: Eine „mystische Tiefe“ und „wilde Realität“ bescheinigte man dem Kunstwerk.
Gustave Courbet, Brandungswogen mit drei Segelschiffen, nach 1870 (?)
Öl auf Leinwand, 51 x 66,6 cm, Privatbesitz, © Guenter Maniewski
Nach dem Erfolg malt Courbet mehrere Varianten. In diesem Gemälde schwindet die Präsenz des Menschengemachten: Nur ein winziges Segelboot lässt sich zwischen Wolkenmasse und Wellenmeer am Horizont erahnen. Viele Zeitgenossen sahen in Courbets Wogen Darstellungen unbändiger Naturkräfte.
Gustave Courbet, Brandungswelle, um 1869/70
Öl auf Leinwand, 67,2 x 107 cm, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, erworben 1905, Inv.-Nr. 295-1905/16, © Kunsthalle Bremen − Lars Lohrisch – ARTOTHEK
Ein äußerst unkonventionelles Landschaftsbild! Eine brechende Welle als monströse Erscheinung, gestaltet aus einer dicken, „fühlbaren“ Schicht Farbe. Courbet wollte eine gewisse Erfahrungsintensität über seine Bilder vermitteln: Er selbst bezeichnete die Malerei als „körperliche Kunst“.
Gustave Courbet; Die Woge, um 1869/70
Öl auf Leinwand, 65,8 x 90,5 cm, Musée des Beaux-Arts de Lyon, erworben 1881, Inv.-Nr. B 295 © Lyon MBA – Foto: Alain Basset
Als habe die Welle ein wütendes Gesicht… Wiederholt hat man die Wogen-Bilder Courbets als Vision eines nahenden politischen Umsturzes gedeutet. Der Kunstkritiker Jules Castagnary (1830–1888) schrieb rückblickend: „Die Demokratie erhob sich, wie eine sich auftürmende Woge.“ Der Dichter Victor Hugo – von Kaiser Napoleon III. ins Exil verbannt – nutzte das Sinnbild des tosenden Meeres bereits 1853, um die aufbrausende Kraft der zur Freiheit drängenden Bevölkerung zu beschreiben.
Gustave Courbet, Die Welle. Stürmisches Wetter, um 1869/70
Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm, Privatsammlung, Courtesy Privatsammlung
Jedes einzelne der Wogen-Bilder stellt die Betrachter vor Herausforderungen: Schauen wir aus der Vogel- oder Froschperspektive auf die Szene? Rollt die Welle auf uns zu, oder zieht sie sich zurück? Und bändigt der Maler das Meer, in dem er es monumental verharren lässt, oder zaubert er doch eine wilde Bewegtheit auf die Leinwand? Courbet testet die Sehgewohnheiten und geht an die Grenzen der Darstellbarkeit: eine gewagte, damals hochmoderne Kunst!

Wellen aus der Ferne

Eine überwältigende Meereswelle als Hauptmotiv eines Bildes: Anregung dazu könnte Courbet aus Japan erhalten haben. Mit dem einschlägigen Farbholzschnitt Die Große Welle vor Kanagawa von Katsushika Hokusai (1760–1849) war er wohl vertraut. Denn Mitte des 19. Jahrhunderts begannen Druckgrafiken der so genannten Ukiyo-e-Kunst in Paris zu kursieren und begeisterten viele europäische Künstler. Claude Monet erwarb ab den 1860er Jahren Hunderte japanische Grafiken für seine eigene Kunstsammlung.

Katsushika Hokusai, Die große Welle vor Kanagawa, ca. 1831
Farbholzschnitt, Wikimedia Commons

„Du kannst vergeblich nach einem Tropfen Wasser in [Courbets] versteinerten Ozean suchen. Wenn man irgendeinen beliebigen Ausschnitt (…) jemandem zeigte (…) würde er ihn für ein Stück einer Mauer halten.“

Paul de Saint-Victor, Salon de 1870, 1870

Flüssiges und Festes in einem Bild: Courbets Wellen können statisch erscheinen, als seien Zeit und Materie unter der Hand des Künstlers „eingefroren“. Um die Farbe aufzutragen, nutzte Courbet neben dem Pinsel, auch ein Palettmesser, eine Art Malspachtel. Seine Gemälde sind oft von einer regelrechten Farbkruste bedeckt.

Courbets Wogen-Bilder beeindruckten Claude Monet. Einige Jahre nach dem Tod seines Freundes entwirft er eine Reihe eigener Darstellungen heranrollender Wellen und antwortet auf Courbets Wucht mit impressionistischer Leichtigkeit. Reizvoll erscheinen kontrastierende Ocker- und Blautöne im Gemälde. Den Strand oder Küstenstreifen spart Monet aus: Das Bild ist ganz auf die Bewegung von Brandung und Wolken fokussiert – effektvoll übersetzt in schwungvolle Pinselzüge.

Claude Monet, Raue See, 1881
Öl auf Leinwand, 60 x 73.7 cm, National Gallery of Canada, Ottawa, © MBAC

Un­gewohnte Mal­weisen

Monets und Courbets unkonventionelle Kunst erregten im 19. Jahrhundert die Gemüter. Ihre jeweiligen Maltechniken wichen deutlich vom traditionellen Umgang mit Farbe und Pinsel ab. Darauf reagierten die damaligen Medien mit spöttischen Karikaturen. So erscheint Courbet als Exzentriker mit Palette und Maurerspachtel, Monet hingegen als wirrköpfiger Malermeister, der die Leinwand mit einem großen Besen bearbeitet. Vielen zeitgenössischen Kunstbetrachtern entging das Ziel beider Künstler: Durch ihren freieren Einsatz der Ölfarbe wollten sie die Sinne der Betrachter unmittelbar ansprechen und so eine neue, zeitgemäße Wirkmacht ihrer Bilder erzeugen.

André Gill, Karikatur G. Courbet, aus „Nouveau Panthéon charivarique“, 1867
Lithographie, Darstellung: 23,5 x 19,8 cm, Blatt: 43,9 x 30,9 cm, Kunsthalle Bremen, Inv.-Nr. 1975/2, © Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen, Foto: Die Kulturgutscanner, Public Domain Mark 1.0
Karikatur mit Besen, aus der Satirezeitschrift „Le Charivari“, 20. April 1879
"Nouvelle École. – Peinture indepéndant. Indépendante de leur volonté. Espérons le pour eux", Quelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France

Courbet hatte mit seinen Wogen Neues gewagt – Monet tut es ihm nach. In seinem Bild Raue See von 1881 verwandelt er das Bildmotiv der Wellen in ein Meer aus lebendigen Pinselstrichen in Blau- Grün- und Weißtönen. Die heranrollenden, schäumenden Wellen nehmen den Großteil der Bildfläche ein, weisen über diese hinaus und vermitteln die Unfassbarkeit unaufhörlicher Bewegung und Weite.

Claude Monet, Raue See, 1881
Öl auf Leinwand, 59,7 × 81,3 cm, Fine Arts Museums of San Francisco, Legion of Honor, gift of Prentis Cobb Hale, 1970, Inv.-Nr. 1970.10 © Randy Dodson, courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Meeres­rauschen

Victor Hugo, Zeichnung zu „Les Travailleurs de la mer“, 1864-1866
Sepia auf Papier, 358 x 258mm, Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France. Département des Manuscrits. NAF 24745 (dessins). F. 382
Titelseite: Jules Verne, „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“, 1871
Quelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France
Titelseite: Victor Hugo, „Die Arbeiter des Meeres“, 1866
Titelseite: Jules Michelet, „La mer“, 1861
Victor Hugo, Zeichnung, Ma destinée, 1857
Feder, Lavis, Tinte, Gouache auf Papier, ca. 17,2 × 26,4 cm, Maison de Victor Hugo - Hauteville House, Wikimedia Commons

Meeres­rauschen

Ob als Schauplatz einer Geschichte oder als Sinnbild der Unendlichkeit und inneren Seelenreise – das Meer war im 19. Jahrhundert auch unter französischen Dichtern, Schriftstellern und Intellektuellen en vogue. Bis heute ist beispielsweise das Abenteuer 20.000 Meilen unter dem Meer (1870) von Jules Verne (1828–1905) berühmt, aber auch Victor Hugos einschlägige Meeresgedichte und sein Roman Die Arbeiter des Meeres (1866) gehören zu den Klassikern der Literaturgeschichte. La Mer (1861) des einflussreichen Historikers Jules Michelet (1798–1874) deckt viele Aspekte der damaligen Faszination ab – von der Beschaffenheit des Wassers und der Wellen, dem Ökosystem des Ozeans, der Menschen und Kulturen der Küsten, bis hin zur Bedeutung des Meeres für unsere Vorstellungskraft.

„Das Moderne in der heutigen Kunst ist das Vorübergehende, das Flüchtige, das Zufällige: die eine Hälfte der Kunst. Das Ewige und Unbewegliche macht die andere Hälfte aus.“

Charles Baudelaire, Le Peintre de la vie moderne, 1863
4

Das Meer malen

Étretat lässt Monet nicht los. Jedes Jahr zwischen 1883 und 1886 zieht es ihn an den einzigartigen Küstenort. Anfangs stehen ihm dabei die Bilder Gustave Courbets vor Augen, doch zunehmend überwiegt die Suche nach dem eigenen, immer neuen Seheindruck. In zahlreichen mitreißenden Gemälden schildert Monet die mächtigen Felstore im Wasser des Atlantiks.

Ich habe vor, ein großes Gemälde der Klippen von Étretat anzufertigen, obwohl es schrecklich gewagt von mir ist, dies nach Courbet zu tun, der sie so wunderbar wiedergegeben hat, aber ich werde versuchen, es anders zu machen (…).“

Claude Monet, Brief an Alice Hoschedé, 1. Februar 1883
Claude Monet, Stürmisches Meer bei Étretat, 1883
Öl auf Leinwand, 81,4 x 100,4 cm, Musée des Beaux-Arts de Lyon, erworben 1902; Inv.-Nr. B 647 © Lyon MBA, Foto: Martial Couderette

Auf den Spuren von Gustave Courbet: Das Gemälde Stürmisches Meer bei Étretat von 1883 malt Monet sechs Jahre nach dem Tod seines Trauzeugens. Den Eindruck eines tosenden Seesturms – die aufgepeitschten Wellen im fahlen Licht – bringt er gekonnt auf die Leinwand.

Gustave Courbet, Der Felsen von Étretat nach einem Gewitter,
Öl auf Leinwand, 130 x 162 cm, Musée d'Orsay, Inv.-Nr. MNR 561, © bpk / GrandPalaisRmn / Patrice Schmidt
Mit diesem Gemälde Courbets von 1869 möchte Monet sich messen: Die Porte d’Aval im kalten, gleißenden Licht nach einem Sturm. Courbet hatte sein Bild 1870 im Pariser Salon eingereicht und große Begeisterung geerntet. Triumphierend schrieb der Künstler an seine Eltern, „noch nie [habe] jemand einen ähnlichen Erfolg gehabt.“
Der Felsen von Étretat (Courbet), Reproduktion, in: „Le Monde illustré“, 2. Juli 1870
Nach einer Fotografie von M. Ferrier-Lecadre, Quelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France
Nicht unbedingt ein gefälliges Landschaftsbild: Und doch war Courbets Darstellung des Aval-Felsens populär und weit verbreitet. Le Monde Illustré, eine Wochenzeitung mit hoher Auflage, hatte sogar eine Reproduktion des Gemäldes veröffentlicht.
Gustave Courbet, Felsen von Étretat, um 1869/70
Öl auf Leinwand, 66 x 82 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, erworben 1976, Inv.-Nr. NG 44/76 © bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders
Courbet beließ es nie bei nur einer Version eines erfolgreichen Bildes: Zehn weitere Varianten seiner Darstellung der Porte d‘Aval stießen auf große Anerkennung und wurden gern gekauft.
Gustave Courbet, Die Felsküste bei Étretat, um 1869/70
Öl auf Leinwand, 93 x 114 cm, Von der Heydt-Museum Wuppertal, Schenkung vonn Julius und Ida Schmits und den Eheleuten J. Friedrich Wolff, 1908, Inv.-Nr. G 0115, © Von der Heydt-Museum Wuppertal, Foto: Medienzentrum Wuppertal
Jede Variante der Felsendarstellung unterscheidet sich in Details, der Licht- und Motivgestaltung. Ob Courbet alle Gemälde der Porte d’Aval bereits 1869 in Étretat gemalt hat, oder nach seinem ersten Erfolg im Salon anfertigte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

Unver­fälschte Land­schaften

Wahrscheinlich stand Monet am Fenster des Hôtel Blanquet, als er mit dem Malen von Stürmisches Meer bei Étretat begann. Für viele seiner Bilder arbeitete er jedoch mitten in der Landschaft und setzte sich den Launen von Wind, Wetter und Licht aus. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war die Freilichtmalerei in Frankreich in Mode gekommen und ging mit dem Wunsch vieler Künstler nach Aufrichtigkeit und Unmittelbarkeit einher: Die Sinneseindrücke eines Malers sollten sich möglichst unverfälscht auf die Leinwand übertragen. Entsprechend dachte man auch über die Funktion von Landschaftsgemälden nach. Der Kunstkritiker Champfleury (1821–1889) argumentierte beispielsweise, ein „wahrhaftiges“ Naturbild könne die überreizten Gemüter der Großstädter beruhigen und helfen, dem Stress des modernen Lebens für einen Moment zu entfliehen: Die Landschaftskunst sei „für Menschen gemacht, die eingesperrt leben.“

Gustave Courbet an der Staffelei, um 1863 / 64
John Singer Sargent, Claude Monet malend am Waldrand, 1885
Öl auf Leinwand, 54 x 64,8cm, Tate Modern

Monet hatte Courbets Gemälde der Porte d’Aval 1882 gesehen – versammelt auf dessen posthumer Ausstellungsretrospektive in Paris. Das Motiv der Boote am unteren rechten Bildrand übernimmt er für sein eigenes Bild des stürmischen Meeres. In den folgenden Monaten und Jahren sollte Monet sich in insgesamt 17 weiteren Darstellungen dem Blick auf den Aval-Felsen widmen – aus unterschiedlichen Standpunkten, in verschiedenen Wetterlagen und Lichtstimmungen.

Claude Monet, Steilküste von Étretat mit der Porte d’Aval bei stürmischer See, 1883
Öl auf Leinwand, 73 × 100 cm, Museu de Montserrat, Schenkung Xavier Busquets 1990, Inv.-Nr. R.N. 201.304, © Museu de Montserrat − Foto: Dani Rovira
In diesem Gemälde von 1883 ist die Leinwand stellenweise unbemalt. Die lockere, impressionistische Pinselführung prägt das Bild. Monet lässt sich ganz auf den Natureindruck ein: Figuren und Boote verbannt er meist aus seinen Bildern der Meereslandschaft.
Claude Monet, Die Steilküste von Aval mit Felsentor und Felsnadel, 1884
Öl auf Leinwand, 60,2 x 81,5 cm, Kunstmuseum Basel, Depositum der Dr. h.c. Emile Dreyfus-Stiftung, 1970, Inv.-Nr. G 1970.9, © Kunstmuseum Basel, Depositum der Dr. h.c. Emile Dreyfus-Stiftung
Ein pastellfarbenes Gemälde von 1884: Trotz der groben Ausführung kann Monet die Lichtstimmung überzeugend vermitteln. Wahrscheinlich malt er das Bild ausgehend von Skizzen, die er auf dem Amont-Felsen mit Blick auf Bucht und die Porte d’Aval anfertigt hatte. Hinter dem Felsentor sticht die Felsnadel Aiguille senkrecht aus dem Wasser.
Claude Monet, Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval bei Sonnenuntergang, um 1885
Pastell auf Papier, 18,4 × 41 cm, Ananda Foundation N.V., Courtesy Sotheby’s
Auch in Zeichnungen mit Pastellkreiden studiert Monet die Lichtstimmungen verschiedener Jahres- und Tageszeiten. In dieser Darstellung von 1885 erstrahlt der bewölkte Himmel im Abendlicht.
Claude Monet, Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval, 1885
Pastell auf Papier, 22,2 × 40,1 cm, Privatsammlung, Courtesy Sotheby’s
Eine weitere Kreidezeichnung aus dem Jahr 1885, die den zauberhaften Moment nach Sonnenuntergang einfängt: Die Zeichnungen verraten Monets Faszination für die Himmelspiegelungen im Wasser und auf dem nassen Sand.

Monet verfolgt seine impressionistische Landschaftskunst mit Hingabe: Das Einfangen eines einzigartigen, nicht wiederholbaren Augenblicks im Fluss der Zeit und Wahrnehmung ist sein Ziel. Nie genügt ein einzelnes Bild eines Motivs:  Zahlreiche, variierende Darstellungen betonen die Wandelbarkeit der Landschaftserscheinung – je nach Lichteinfall, Wetterlage und Jahreszeit, aber auch der Gemütslage des Künstlers.

Claude Monet, Blick auf das Felsentor La Manneporte, 1885 / Claude Monet, Étretat. La Manneporte. Lichtreflexe auf dem Wasser, 1885
Öl auf Leinwand, 65,4 × 81,3 cm, Philadelphia Museum, Inv.-Nr. 1051 / Öl auf Leinwand, 65,5 x 81,5 cm, Musée d’Orsay, Inv.-Nr. RF 1994-5; D.99.1.1, © s. Impressum

Subjektives Sehen

Bahnbrechende Forschungen zum menschlichen Sinnesapparat hinterfragten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Idee einer stabilen Wahrnehmung der sichtbaren Welt. Die Vorläufer der Neurowissenschaften belegten schon damals: Bestimmte Wahrnehmungsmuster sind physiologisch gesteuert. Visuelle Reize werden außerdem mit individuell Vorgeprägtem und Erinnertem abgeglichen. Monet und viele seiner Zeitgenossen beschäftigten sich ausgiebig mit den Erkenntnissen. Die Einsicht, dass es den einen, rein objektiven Natureindruck nicht geben kann, prägte ihre Kunst.

Titelseite: Hermann von Helmholtz, Handbuch der Physiologischen Optik, 1867

„Um das Meer wirklich zu malen, muss man es jeden Tag, zu jeder Stunde und vom selben Standpunkt aus sehen, um sein Dasein genau an diesem Ort zu kennen (…).“

Claude Monet, Brief an Alice Hoschedé, 30. Oktober 1886

Monets Küste

Claude Monets Wiedergaben der Felstore von Étretat sind eine Augenweide und laden zum Schwelgen ein: Das Gefühl kontemplativer Naturerfahrung geht von den Gemälden aus. Beinahe verborgen bleiben die obsessiven Mühen, die Monet im Malprozess aufzubringen bereit war.

Claude Monet, Felsnadel und Felsentor von Aval, 1885
Öl auf Leinwand, 64,8 × 81 cm, The Fitzwilliam Museum, Cambridge, accepted in lieu of inheritance tax and allocated to the Fitzwilliam Museum, 1998, Inv.-Nr. PD.26-1998 © The Fitzwilliam Museum, University of Cambridge

Von Moment zu Moment und Ort zu Ort eilend – Monet arbeitet in Étretat gleichzeitig an mehreren Leinwänden. Was er auf den Stränden und Felsen mit Blick auf die Bucht und Küste beginnt und, je nach Stimmung, Tageszeit und Wetterlage weitermalt, vollendet er teilweise Wochen später in seinem Atelier.

„Kinder folgten ihm, die seine Leinwände trugen, fünf oder sechs Leinwände, die alle das gleiche Motiv zu verschiedenen Tageszeiten und in unterschiedlichen Stimmungen wiedergaben.“

Guy de Maupassant, La vie d’un paysagiste, 1886

Malerei in Serie

Monets obsessive Arbeitsweise in Étretat – das variationsreiche Malen eines Motivs auf mehreren Leinwänden– nahm vorweg, womit der Impressionist ab den 1890er Jahren Furore machen sollte: Angesichts von Heuschobern, der Fassade der Kathedrale von Rouen oder später des legendären Seerosenteichs in Giverny entwickelte Monet erstmals das moderne Prinzip der seriellen Malerei. Bis heute gehören Monets „Serien“ zu den berühmtesten Kunstwerken der Welt. Jedes Bild kann dabei als ein eigenständiges Kunstwerk betrachtet werden, ist jedoch als Teil der Serie theoretisch austauschbar. Die eigentliche künstlerische Bedeutung und Wirkung entfaltet sich erst in der Gesamtschau der Serie.

Claude Monet, Serie der Kathedrale von Rouen, 1890er Jahre
© s. Impressum

Auf der Jagd nach immer neuen Impressionen soll der Künstler einmal fast ertrunken sein, als ihn die Flut an der Manneporte überraschte. Sein Gemälde des mächtigen Felsbogens von 1883 scheint den Moment der Überwältigung zu spiegeln: Inmitten des Tosens von Felsen, Gischt und Wellen lassen sich zwei winzige Figuren im Bild erkennen.

Claude Monet, Étretat. Das Felsentor Manneporte, 1883
Öl auf Leinwand, 65,4 × 81,3 cm, The Metropolitan Museum of Art, New York, Bequest of William Church Osborn, 1951, Inv.-Nr. 51.30.5, © bpk / The Metropolitan Museum of Art

„Es war für mich eine Freude, dieses Meer in seiner Raserei zu sehen; es war wie eine Sinnesüberflutung.“

Claude Monet, Brief an Alice Hoschedé, 17. Oktober 1886

Die majestätische Manneporte im gleißenden Licht: Den Felsen im Südwesten Étretats hat Monet ebenfalls in unterschiedlichsten Stimmungen auf der Leinwand gespiegelt. Der unermüdliche Versuch, seine einzigartige Naturerfahrung durch die Kunst zu übermitteln, brachte ihn teilweise an den Rand der Erschöpfung.

Claude Monet, Étretat. Die Manneporte, 1885/86
Öl auf Leinwand, 81,3 × 65,4 cm, The Metropolitan Museum of Art, New York, Bequest of Lillie P. Bliss, 1931, Inv.-Nr. 31.67.11, Wikimedia Commons

Die sichtbare Welt kann nie vollständig erfasst oder fixiert werden: Diese Erfahrung der Moderne liegt Monets Kunst zugrunde. Während romantische Maler die „Naturwunder“ der Felstore von Étretat bestaunten, drehen sich Monets Gemälde um die Unfassbarkeit und Flüchtigkeit der Welterscheinung und -wahrnehmung. Seine Meeresbilder laden zum Versenken und Verlieren ein.

Detail: Claude Monet, Étretat. Die Manneporte, 1885/86
Öl auf Leinwand, 81,3 × 65,4 cm, The Metropolitan Museum of Art, New York, Bequest of Lillie P. Bliss, 1931, Inv.-Nr. 31.67.11, Wikimedia Commons

Claude Monets hinreißende Darstellungen Étretats tragen bis heute zum Mythos des Küstendorfes bei. Doch nicht nur die impressionistische Malweise fand hier entscheidende Impulse. Étretat und seine Felstore zogen zahlreiche Künstler des 19. Jahrhunderts in ihren Bann. Kaum ein Ort kann stärker bezeugen, wie die Malerei modern wurde.

Blickfang

Étretat bleibt im 20. Jahrhundert ein Anziehungspunkt: Felix Vallotton (1865–1925), Henri Matisse (1869–1954), Maurice Denis (1870–1943) und viele andere Künstler widmen sich dem Ort in ihren originellen Bildsprachen. Ihre Ansichten der Bucht von Étretat spiegeln die sich wandelnden Vorstellungen über den Charakter von Küstenlandschaft und Kunst.

Newsletter
Aktuelle Ausstellungen, digitale Angebote und Veranstaltungen kompakt. Mit dem Städel E-Mail-Newsletter kommen die neuesten Informationen regelmäßig direkt zu Ihnen.
Jetzt anmelden
Gefördert durch
Dieses Digitorial® wurde entwickelt vom Städel Museum, Frankfurt am Main, mit freundlicher Unterstützung durch die Deutsche Börse Group. Digitorial® ist eine Produktlinie des Städel Museums.
Mehr entdecken
Jetzt Tickets sichern
Alles rund um die Austellung
Planen Sie Ihren Besuch
Der Katalog für Zuhause
Mehr Digitorials®
Entdecken Sie alle digitalen Angebote