Das Meer malen

Étretat lässt Monet nicht los. Jedes Jahr zwischen 1883 und 1886 zieht es ihn an den einzigartigen Küstenort. Anfangs stehen ihm dabei die Bilder Gustave Courbets vor Augen, doch zunehmend überwiegt die Suche nach dem eigenen, immer neuen Seheindruck. In zahlreichen mitreißenden Gemälden schildert Monet die mächtigen Felstore im Wasser des Atlantiks.

Ich habe vor, ein großes Gemälde der Klippen von Étretat anzufertigen, obwohl es schrecklich gewagt von mir ist, dies nach Courbet zu tun, der sie so wunderbar wiedergegeben hat, aber ich werde versuchen, es anders zu machen (…).“

Claude Monet, Brief an Alice Hoschedé, 1. Februar 1883
Claude Monet, Stürmisches Meer bei Étretat, 1883
Öl auf Leinwand, 81,4 x 100,4 cm, Musée des Beaux-Arts de Lyon, erworben 1902; Inv.-Nr. B 647 © Lyon MBA, Foto: Martial Couderette

Auf den Spuren von Gustave Courbet: Das Gemälde Stürmisches Meer bei Étretat von 1883 malt Monet sechs Jahre nach dem Tod seines Trauzeugens. Den Eindruck eines tosenden Seesturms – die aufgepeitschten Wellen im fahlen Licht – bringt er gekonnt auf die Leinwand.

Gustave Courbet, Der Felsen von Étretat nach einem Gewitter,
Öl auf Leinwand, 130 x 162 cm, Musée d'Orsay, Inv.-Nr. MNR 561, © bpk / GrandPalaisRmn / Patrice Schmidt
Mit diesem Gemälde Courbets von 1869 möchte Monet sich messen: Die Porte d’Aval im kalten, gleißenden Licht nach einem Sturm. Courbet hatte sein Bild 1870 im Pariser Salon eingereicht und große Begeisterung geerntet. Triumphierend schrieb der Künstler an seine Eltern, „noch nie [habe] jemand einen ähnlichen Erfolg gehabt.“
Der Felsen von Étretat (Courbet), Reproduktion, in: „Le Monde illustré“, 2. Juli 1870
Nach einer Fotografie von M. Ferrier-Lecadre, Quelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France
Nicht unbedingt ein gefälliges Landschaftsbild: Und doch war Courbets Darstellung des Aval-Felsens populär und weit verbreitet. Le Monde Illustré, eine Wochenzeitung mit hoher Auflage, hatte sogar eine Reproduktion des Gemäldes veröffentlicht.
Gustave Courbet, Felsen von Étretat, um 1869/70
Öl auf Leinwand, 66 x 82 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, erworben 1976, Inv.-Nr. NG 44/76 © bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders
Courbet beließ es nie bei nur einer Version eines erfolgreichen Bildes: Zehn weitere Varianten seiner Darstellung der Porte d‘Aval stießen auf große Anerkennung und wurden gern gekauft.
Gustave Courbet, Die Felsküste bei Étretat, um 1869/70
Öl auf Leinwand, 93 x 114 cm, Von der Heydt-Museum Wuppertal, Schenkung vonn Julius und Ida Schmits und den Eheleuten J. Friedrich Wolff, 1908, Inv.-Nr. G 0115, © Von der Heydt-Museum Wuppertal, Foto: Medienzentrum Wuppertal
Jede Variante der Felsendarstellung unterscheidet sich in Details, der Licht- und Motivgestaltung. Ob Courbet alle Gemälde der Porte d’Aval bereits 1869 in Étretat gemalt hat, oder nach seinem ersten Erfolg im Salon anfertigte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

Unver­fälschte Land­schaften

Wahrscheinlich stand Monet am Fenster des Hôtel Blanquet, als er mit dem Malen von Stürmisches Meer bei Étretat begann. Für viele seiner Bilder arbeitete er jedoch mitten in der Landschaft und setzte sich den Launen von Wind, Wetter und Licht aus. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war die Freilichtmalerei in Frankreich in Mode gekommen und ging mit dem Wunsch vieler Künstler nach Aufrichtigkeit und Unmittelbarkeit einher: Die Sinneseindrücke eines Malers sollten sich möglichst unverfälscht auf die Leinwand übertragen. Entsprechend dachte man auch über die Funktion von Landschaftsgemälden nach. Der Kunstkritiker Champfleury (1821–1889) argumentierte beispielsweise, ein „wahrhaftiges“ Naturbild könne die überreizten Gemüter der Großstädter beruhigen und helfen, dem Stress des modernen Lebens für einen Moment zu entfliehen: Die Landschaftskunst sei „für Menschen gemacht, die eingesperrt leben.“

Gustave Courbet an der Staffelei, um 1863 / 64
John Singer Sargent, Claude Monet malend am Waldrand, 1885
Öl auf Leinwand, 54 x 64,8cm, Tate Modern

Monet hatte Courbets Gemälde der Porte d’Aval 1882 gesehen – versammelt auf dessen posthumer Ausstellungsretrospektive in Paris. Das Motiv der Boote am unteren rechten Bildrand übernimmt er für sein eigenes Bild des stürmischen Meeres. In den folgenden Monaten und Jahren sollte Monet sich in insgesamt 17 weiteren Darstellungen dem Blick auf den Aval-Felsen widmen – aus unterschiedlichen Standpunkten, in verschiedenen Wetterlagen und Lichtstimmungen.

Claude Monet, Steilküste von Étretat mit der Porte d’Aval bei stürmischer See, 1883
Öl auf Leinwand, 73 × 100 cm, Museu de Montserrat, Schenkung Xavier Busquets 1990, Inv.-Nr. R.N. 201.304, © Museu de Montserrat − Foto: Dani Rovira
In diesem Gemälde von 1883 ist die Leinwand stellenweise unbemalt. Die lockere, impressionistische Pinselführung prägt das Bild. Monet lässt sich ganz auf den Natureindruck ein: Figuren und Boote verbannt er meist aus seinen Bildern der Meereslandschaft.
Claude Monet, Die Steilküste von Aval mit Felsentor und Felsnadel, 1884
Öl auf Leinwand, 60,2 x 81,5 cm, Kunstmuseum Basel, Depositum der Dr. h.c. Emile Dreyfus-Stiftung, 1970, Inv.-Nr. G 1970.9, © Kunstmuseum Basel, Depositum der Dr. h.c. Emile Dreyfus-Stiftung
Ein pastellfarbenes Gemälde von 1884: Trotz der groben Ausführung kann Monet die Lichtstimmung überzeugend vermitteln. Wahrscheinlich malt er das Bild ausgehend von Skizzen, die er auf dem Amont-Felsen mit Blick auf Bucht und die Porte d’Aval anfertigt hatte. Hinter dem Felsentor sticht die Felsnadel Aiguille senkrecht aus dem Wasser.
Claude Monet, Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval bei Sonnenuntergang, um 1885
Pastell auf Papier, 18,4 × 41 cm, Ananda Foundation N.V., Courtesy Sotheby’s
Auch in Zeichnungen mit Pastellkreiden studiert Monet die Lichtstimmungen verschiedener Jahres- und Tageszeiten. In dieser Darstellung von 1885 erstrahlt der bewölkte Himmel im Abendlicht.
Claude Monet, Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval, 1885
Pastell auf Papier, 22,2 × 40,1 cm, Privatsammlung, Courtesy Sotheby’s
Eine weitere Kreidezeichnung aus dem Jahr 1885, die den zauberhaften Moment nach Sonnenuntergang einfängt: Die Zeichnungen verraten Monets Faszination für die Himmelspiegelungen im Wasser und auf dem nassen Sand.

Monet verfolgt seine impressionistische Landschaftskunst mit Hingabe: Das Einfangen eines einzigartigen, nicht wiederholbaren Augenblicks im Fluss der Zeit und Wahrnehmung ist sein Ziel. Nie genügt ein einzelnes Bild eines Motivs:  Zahlreiche, variierende Darstellungen betonen die Wandelbarkeit der Landschaftserscheinung – je nach Lichteinfall, Wetterlage und Jahreszeit, aber auch der Gemütslage des Künstlers.

Claude Monet, Blick auf das Felsentor La Manneporte, 1885 / Claude Monet, Étretat. La Manneporte. Lichtreflexe auf dem Wasser, 1885
Öl auf Leinwand, 65,4 × 81,3 cm, Philadelphia Museum, Inv.-Nr. 1051 / Öl auf Leinwand, 65,5 x 81,5 cm, Musée d’Orsay, Inv.-Nr. RF 1994-5; D.99.1.1, © s. Impressum

Subjektives Sehen

Bahnbrechende Forschungen zum menschlichen Sinnesapparat hinterfragten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Idee einer stabilen Wahrnehmung der sichtbaren Welt. Die Vorläufer der Neurowissenschaften belegten schon damals: Bestimmte Wahrnehmungsmuster sind physiologisch gesteuert. Visuelle Reize werden außerdem mit individuell Vorgeprägtem und Erinnertem abgeglichen. Monet und viele seiner Zeitgenossen beschäftigten sich ausgiebig mit den Erkenntnissen. Die Einsicht, dass es den einen, rein objektiven Natureindruck nicht geben kann, prägte ihre Kunst.

Titelseite: Hermann von Helmholtz, Handbuch der Physiologischen Optik, 1867

„Um das Meer wirklich zu malen, muss man es jeden Tag, zu jeder Stunde und vom selben Standpunkt aus sehen, um sein Dasein genau an diesem Ort zu kennen (…).“

Claude Monet, Brief an Alice Hoschedé, 30. Oktober 1886

Monets Küste

Claude Monets Wiedergaben der Felstore von Étretat sind eine Augenweide und laden zum Schwelgen ein: Das Gefühl kontemplativer Naturerfahrung geht von den Gemälden aus. Beinahe verborgen bleiben die obsessiven Mühen, die Monet im Malprozess aufzubringen bereit war.

Claude Monet, Felsnadel und Felsentor von Aval, 1885
Öl auf Leinwand, 64,8 × 81 cm, The Fitzwilliam Museum, Cambridge, accepted in lieu of inheritance tax and allocated to the Fitzwilliam Museum, 1998, Inv.-Nr. PD.26-1998 © The Fitzwilliam Museum, University of Cambridge

Von Moment zu Moment und Ort zu Ort eilend – Monet arbeitet in Étretat gleichzeitig an mehreren Leinwänden. Was er auf den Stränden und Felsen mit Blick auf die Bucht und Küste beginnt und, je nach Stimmung, Tageszeit und Wetterlage weitermalt, vollendet er teilweise Wochen später in seinem Atelier.

„Kinder folgten ihm, die seine Leinwände trugen, fünf oder sechs Leinwände, die alle das gleiche Motiv zu verschiedenen Tageszeiten und in unterschiedlichen Stimmungen wiedergaben.“

Guy de Maupassant, La vie d’un paysagiste, 1886

Malerei in Serie

Monets obsessive Arbeitsweise in Étretat – das variationsreiche Malen eines Motivs auf mehreren Leinwänden– nahm vorweg, womit der Impressionist ab den 1890er Jahren Furore machen sollte: Angesichts von Heuschobern, der Fassade der Kathedrale von Rouen oder später des legendären Seerosenteichs in Giverny entwickelte Monet erstmals das moderne Prinzip der seriellen Malerei. Bis heute gehören Monets „Serien“ zu den berühmtesten Kunstwerken der Welt. Jedes Bild kann dabei als ein eigenständiges Kunstwerk betrachtet werden, ist jedoch als Teil der Serie theoretisch austauschbar. Die eigentliche künstlerische Bedeutung und Wirkung entfaltet sich erst in der Gesamtschau der Serie.

Claude Monet, Serie der Kathedrale von Rouen, 1890er Jahre
© s. Impressum

Auf der Jagd nach immer neuen Impressionen soll der Künstler einmal fast ertrunken sein, als ihn die Flut an der Manneporte überraschte. Sein Gemälde des mächtigen Felsbogens von 1883 scheint den Moment der Überwältigung zu spiegeln: Inmitten des Tosens von Felsen, Gischt und Wellen lassen sich zwei winzige Figuren im Bild erkennen.

Claude Monet, Étretat. Das Felsentor Manneporte, 1883
Öl auf Leinwand, 65,4 × 81,3 cm, The Metropolitan Museum of Art, New York, Bequest of William Church Osborn, 1951, Inv.-Nr. 51.30.5, © bpk / The Metropolitan Museum of Art

„Es war für mich eine Freude, dieses Meer in seiner Raserei zu sehen; es war wie eine Sinnesüberflutung.“

Claude Monet, Brief an Alice Hoschedé, 17. Oktober 1886

Die majestätische Manneporte im gleißenden Licht: Den Felsen im Südwesten Étretats hat Monet ebenfalls in unterschiedlichsten Stimmungen auf der Leinwand gespiegelt. Der unermüdliche Versuch, seine einzigartige Naturerfahrung durch die Kunst zu übermitteln, brachte ihn teilweise an den Rand der Erschöpfung.

Claude Monet, Étretat. Die Manneporte, 1885/86
Öl auf Leinwand, 81,3 × 65,4 cm, The Metropolitan Museum of Art, New York, Bequest of Lillie P. Bliss, 1931, Inv.-Nr. 31.67.11, Wikimedia Commons

Die sichtbare Welt kann nie vollständig erfasst oder fixiert werden: Diese Erfahrung der Moderne liegt Monets Kunst zugrunde. Während romantische Maler die „Naturwunder“ der Felstore von Étretat bestaunten, drehen sich Monets Gemälde um die Unfassbarkeit und Flüchtigkeit der Welterscheinung und -wahrnehmung. Seine Meeresbilder laden zum Versenken und Verlieren ein.

Detail: Claude Monet, Étretat. Die Manneporte, 1885/86
Öl auf Leinwand, 81,3 × 65,4 cm, The Metropolitan Museum of Art, New York, Bequest of Lillie P. Bliss, 1931, Inv.-Nr. 31.67.11, Wikimedia Commons

Claude Monets hinreißende Darstellungen Étretats tragen bis heute zum Mythos des Küstendorfes bei. Doch nicht nur die impressionistische Malweise fand hier entscheidende Impulse. Étretat und seine Felstore zogen zahlreiche Künstler des 19. Jahrhunderts in ihren Bann. Kaum ein Ort kann stärker bezeugen, wie die Malerei modern wurde.

Mehr entdecken
Jetzt Tickets sichern
Alles rund um die Austellung
Planen Sie Ihren Besuch
Der Katalog für Zuhause
Mehr Digitorials®
Entdecken Sie alle digitalen Angebote