Das Meer malen
Étretat lässt Monet nicht los. Jedes Jahr zwischen 1883 und 1886 zieht es ihn an den einzigartigen Küstenort. Anfangs stehen ihm dabei die Bilder Gustave Courbets vor Augen, doch zunehmend überwiegt die Suche nach dem eigenen, immer neuen Seheindruck. In zahlreichen mitreißenden Gemälden schildert Monet die mächtigen Felstore im Wasser des Atlantiks.
Ich habe vor, ein großes Gemälde der Klippen von Étretat anzufertigen, obwohl es schrecklich gewagt von mir ist, dies nach Courbet zu tun, der sie so wunderbar wiedergegeben hat, aber ich werde versuchen, es anders zu machen (…).“
Auf den Spuren von Gustave Courbet: Das Gemälde Stürmisches Meer bei Étretat von 1883 malt Monet sechs Jahre nach dem Tod seines Trauzeugens. Den Eindruck eines tosenden Seesturms – die aufgepeitschten Wellen im fahlen Licht – bringt er gekonnt auf die Leinwand.
Unverfälschte Landschaften
Wahrscheinlich stand Monet am Fenster des Hôtel Blanquet, als er mit dem Malen von Stürmisches Meer bei Étretat begann. Für viele seiner Bilder arbeitete er jedoch mitten in der Landschaft und setzte sich den Launen von Wind, Wetter und Licht aus. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war die Freilichtmalerei in Frankreich in Mode gekommen und ging mit dem Wunsch vieler Künstler nach Aufrichtigkeit und Unmittelbarkeit einher: Die Sinneseindrücke eines Malers sollten sich möglichst unverfälscht auf die Leinwand übertragen. Entsprechend dachte man auch über die Funktion von Landschaftsgemälden nach. Der Kunstkritiker Champfleury (1821–1889) argumentierte beispielsweise, ein „wahrhaftiges“ Naturbild könne die überreizten Gemüter der Großstädter beruhigen und helfen, dem Stress des modernen Lebens für einen Moment zu entfliehen: Die Landschaftskunst sei „für Menschen gemacht, die eingesperrt leben.“
Monet hatte Courbets Gemälde der Porte d’Aval 1882 gesehen – versammelt auf dessen posthumer Ausstellungsretrospektive in Paris. Das Motiv der Boote am unteren rechten Bildrand übernimmt er für sein eigenes Bild des stürmischen Meeres. In den folgenden Monaten und Jahren sollte Monet sich in insgesamt 17 weiteren Darstellungen dem Blick auf den Aval-Felsen widmen – aus unterschiedlichen Standpunkten, in verschiedenen Wetterlagen und Lichtstimmungen.
Monet verfolgt seine impressionistische Landschaftskunst mit Hingabe: Das Einfangen eines einzigartigen, nicht wiederholbaren Augenblicks im Fluss der Zeit und Wahrnehmung ist sein Ziel. Nie genügt ein einzelnes Bild eines Motivs: Zahlreiche, variierende Darstellungen betonen die Wandelbarkeit der Landschaftserscheinung – je nach Lichteinfall, Wetterlage und Jahreszeit, aber auch der Gemütslage des Künstlers.
Subjektives Sehen
Bahnbrechende Forschungen zum menschlichen Sinnesapparat hinterfragten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Idee einer stabilen Wahrnehmung der sichtbaren Welt. Die Vorläufer der Neurowissenschaften belegten schon damals: Bestimmte Wahrnehmungsmuster sind physiologisch gesteuert. Visuelle Reize werden außerdem mit individuell Vorgeprägtem und Erinnertem abgeglichen. Monet und viele seiner Zeitgenossen beschäftigten sich ausgiebig mit den Erkenntnissen. Die Einsicht, dass es den einen, rein objektiven Natureindruck nicht geben kann, prägte ihre Kunst.
„Um das Meer wirklich zu malen, muss man es jeden Tag, zu jeder Stunde und vom selben Standpunkt aus sehen, um sein Dasein genau an diesem Ort zu kennen (…).“
Monets Küste
Claude Monets Wiedergaben der Felstore von Étretat sind eine Augenweide und laden zum Schwelgen ein: Das Gefühl kontemplativer Naturerfahrung geht von den Gemälden aus. Beinahe verborgen bleiben die obsessiven Mühen, die Monet im Malprozess aufzubringen bereit war.
Von Moment zu Moment und Ort zu Ort eilend – Monet arbeitet in Étretat gleichzeitig an mehreren Leinwänden. Was er auf den Stränden und Felsen mit Blick auf die Bucht und Küste beginnt und, je nach Stimmung, Tageszeit und Wetterlage weitermalt, vollendet er teilweise Wochen später in seinem Atelier.
„Kinder folgten ihm, die seine Leinwände trugen, fünf oder sechs Leinwände, die alle das gleiche Motiv zu verschiedenen Tageszeiten und in unterschiedlichen Stimmungen wiedergaben.“
Malerei in Serie
Monets obsessive Arbeitsweise in Étretat – das variationsreiche Malen eines Motivs auf mehreren Leinwänden– nahm vorweg, womit der Impressionist ab den 1890er Jahren Furore machen sollte: Angesichts von Heuschobern, der Fassade der Kathedrale von Rouen oder später des legendären Seerosenteichs in Giverny entwickelte Monet erstmals das moderne Prinzip der seriellen Malerei. Bis heute gehören Monets „Serien“ zu den berühmtesten Kunstwerken der Welt. Jedes Bild kann dabei als ein eigenständiges Kunstwerk betrachtet werden, ist jedoch als Teil der Serie theoretisch austauschbar. Die eigentliche künstlerische Bedeutung und Wirkung entfaltet sich erst in der Gesamtschau der Serie.
Auf der Jagd nach immer neuen Impressionen soll der Künstler einmal fast ertrunken sein, als ihn die Flut an der Manneporte überraschte. Sein Gemälde des mächtigen Felsbogens von 1883 scheint den Moment der Überwältigung zu spiegeln: Inmitten des Tosens von Felsen, Gischt und Wellen lassen sich zwei winzige Figuren im Bild erkennen.
„Es war für mich eine Freude, dieses Meer in seiner Raserei zu sehen; es war wie eine Sinnesüberflutung.“
Die majestätische Manneporte im gleißenden Licht: Den Felsen im Südwesten Étretats hat Monet ebenfalls in unterschiedlichsten Stimmungen auf der Leinwand gespiegelt. Der unermüdliche Versuch, seine einzigartige Naturerfahrung durch die Kunst zu übermitteln, brachte ihn teilweise an den Rand der Erschöpfung.
Die sichtbare Welt kann nie vollständig erfasst oder fixiert werden: Diese Erfahrung der Moderne liegt Monets Kunst zugrunde. Während romantische Maler die „Naturwunder“ der Felstore von Étretat bestaunten, drehen sich Monets Gemälde um die Unfassbarkeit und Flüchtigkeit der Welterscheinung und -wahrnehmung. Seine Meeresbilder laden zum Versenken und Verlieren ein.
Claude Monets hinreißende Darstellungen Étretats tragen bis heute zum Mythos des Küstendorfes bei. Doch nicht nur die impressionistische Malweise fand hier entscheidende Impulse. Étretat und seine Felstore zogen zahlreiche Künstler des 19. Jahrhunderts in ihren Bann. Kaum ein Ort kann stärker bezeugen, wie die Malerei modern wurde.