Monets Farben­meer

Claude Monet wird Zeuge des Wandels: Der Künstler kennt die Normandie seit Kindheitstagen und ist zeitlebens von der rauen Küste fasziniert. In Étretat verbringt er in den 1860er und 1880er Jahren mehrere längere Aufenthalte. In über 80 Gemälden widmet er sich dem Natureindruck: Die Felstore von Étretat inspirieren bedeutende Neuerungen der Malerei.

„Ich bin meiner Küste treu geblieben.“

Claude Monet in einem Interview am 3. März 1889

Berufener Künstler

Claude Monet (1840–1926) verbrachte seine Kindheit in Le Havre, der wichtigsten Hafenstadt der Normandie. Als Sohn eines Lebensmittelgroßhändlers entschied er sich früh, einen Werdegang als Künstler einzuschlagen – entgegen den Erwartungen seines Vaters. Bereits als 18-Jähriger begegnete er dem Maler Eugène Boudin, der zu seinem Mentor wurde. Mit finanzieller Unterstützung seiner Tante begann Monet 1860 ein Kunststudium in Paris. Im Laufe seiner Karriere besuchte er regelmäßig die Normandie, in deren Landschaften er unter freiem Himmel malte. Monets Weltruhm ließ auf sich warten: Finanzielle Schwierigkeiten und Unsicherheiten begleiteten sein Leben bis in die 1880er Jahre. Spätestens mit der Teilnahme an der Weltausstellung 1889, konnte sich Monet zunehmend über Anerkennung und Wohlstand freuen.

Carolus-Duran, Porträt Claude Monet, 1867
Öl auf Leinwand, 46 x 38 cm, Musée Marmottan Monet, Inv. 5114, Wikimedia Commons

Heute ist Monet für seine impressionistischen Gemälde weltberühmt. Sein Bild Steilküste von Aval von 1885 verdeutlicht die Besonderheiten der revolutionären Malweise.

Claude Monet, Étretat. Die Steilküste von Aval, 1885
Öl auf Leinwand, 65,5 x 91,7 cm, The Israel Museum, Jerusalem, Bequest of Marie Dabek, Paris, to the State of Israel, in memory of Jack and Mimi Dabek, on permanent loan to The Israel Museum, Jerusalem, from the Administrator General of the State of Israel, Inv.-Nr. L-B83.0006 © Israel Museum, Jerusalem / Bridgeman Images

Der sonnenbeschiene Felsen, umflutet vom Wasser des Atlantiks: Das Gemälde erzeugt den Anschein einer flirrenden Bewegtheit, der dem natürlichen Licht- und Farbenspiel gleichen kann. Der Effekt beruht auf den kurzen Pinselstrichen – den so genannten taches (frz. „Flecken“) –, die sichtbar auf der Leinwand stehen. Auf lange, geschlossene Linien verzichtet Monet ganz: Die Formen der Landschaft – die Felsen, Wolken und Wellen – sind rein aus Farbkontrasten und -tupfern gebildet.

„Der Impressionist sieht die Natur und malt sie, wie sie ist; das heißt, ausschließlich in Farb­schwingungen.“

Jules Laforgue, Critique d’Art – L’impressionnisme, 1883

Jede neue Malweise muss erfunden werden: Monet beginnt ausgerechnet während seines zweiten Aufenthalts in Étretat, mit den impressionistischen Maltechniken zu experimentieren. Um die touristischen Besucher zu meiden, wählt er für seinen mehrmonatigen Besuch die kühle Jahreswende 1868/69. Angesichts der majestätischen Felstore im Winterlicht kündigt sich sein innovativer Umgang mit Pinsel und Farbe an.

Claude Monet, La Porte d’Amont, Étretat, 1868/69
Öl auf Leinwand, 79,1 x 98,4 cm, Harvard Art Museum / Fogg Museum, Gift of Mr. and Mrs. Pulitzer, Jr., Harvard Art Museums/Fogg Museum © President and Fellows of Harvard College, 1957.163
Die stimmungsvolle Darstellung von 1868/69 zeigt die Porte d’Amont, am nordöstlichen Ende des Strandes von Étretat. Monet beginnt seine Gemälde en plein air, unter freiem Himmel. Um an den Strand hinter dem Felstor zu gelangen, musste er einen steilen Felsenpfad herabsteigen.
Detail: Claude Monet, La Porte d’Amont, Étretat, 1868/69
Öl auf Leinwand, 79,1 x 98,4 cm, Harvard Art Museum / Fogg Museum, Gift of Mr. and Mrs. Pulitzer, Jr., Harvard Art Museums/Fogg Museum © President and Fellows of Harvard College, 1957.163
Monet konzentriert sich auf das Spiel von Licht, Felsen und Wasser: Er setzt den Kontrast zwischen Orange und Türkisgrün geschickt ein. Auch die Pinselführung nimmt stellenweise vorweg, was Monets impressionistische Gemälde ausmachen sollten: Die Farben erscheinen als unvermalte, geschwungene Pinselstriche auf der Bildoberfläche.
Claude Monet, Étretat. Tor und Felsen von Aval, 1864
Öl auf Leinwand, 28 x 49 cm, Collection Musée Mer Marine, Bordeaux © Musée Mer Marine, Bordeaux
Eine kleinere Studie der Porte d’Aval am südwestlichen Ende des Strandes: Sie entsteht während Monets erstem Aufenthalt in Étretat in den Sommermonaten des Jahres 1864. Monets Malweise ist noch deutlich traditioneller – die Farbigkeit gedämpft und eng am Naturvorbild orientiert, die Farbkontraste des Impressionismus kommen noch nicht zum Einsatz.
Detail: Claude Monet, Étretat. Tor und Felsen von Aval, 1864
Öl auf Leinwand, 28 x 49 cm, Collection Musée Mer Marine, Bordeaux © Musée Mer Marine, Bordeaux
Die Form des Felsens bildet Monet in dem Gemälde noch aus klaren Umrissen und Farbflächen, nicht aus den Farben und Strukturen der impressionistischen taches.

Theorie der Farben

Rot und Grün oder Blau und Orange – in den Gemälden von Monet und anderer Impressionisten kommen starke Farbkontraste zum Tragen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich Theoretiker und Naturwissenschaftler ausgiebig mit den Gesetzmäßigkeiten der Farben. Vor allem die Schriften Eugène Chevreuls waren in Pariser Künstlerkreisen sehr verbreitet. Der Chemiker hatte den so genannten Komplementärkontrast definiert: Jede der drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau ist zur Mischung der beiden anderen komplementär, ergibt also für den menschlichen Sehapparat einen besonders starken Kontrast. Chevreul beschrieb auch den Simultankontrast: Wenn zwei Farben direkt nebeneinander gesehen werden, beeinflussen sie sich gegenseitig in ihrer Wirkung. Monet und seine Zeitgenossen nutzten die theoretischen Erkenntnisse für die Farbgestaltung ihrer Kunstwerke.

Illustration „Farbkreis“ aus Michel Eugène Chevreuls „Farben und ihre Anwendung in der industriellen Kunst mithilfe von Farbkreisen“
Courtesy of Science History Institute

„Ich bin hier [in Étretat] umgeben von allem, was ich liebe.“

Claude Monet, Brief an Fréderic Bazille, 10. Dezember 1868

Monet ist 1868 von Finanzproblemen geplagt. Dank der Unterstützung eines Gönners aus Le Havre kann er sich in Étretat eine Unterkunft leisten. Während seines Aufenthalts malt er nicht nur die Felsen im Meer. Auch das damals unkonventionelle Figurenbild Das Mittagessen entsteht, das heute ein Herzstück der Sammlung des Städel Museums ist: Auf großer Leinwand inszeniert Monet seine eigene Familie.

Bon appetit!

Kartoffeln und Fleisch, Salat, Weintrauben und selbstverständlich Brot – ein französisches Mittagessen! Doch das bürgerliche Familienidyll trügt: Der mittellose Monet konnte seine Freundin Camille und den unehelichen Sohn Jean kaum versorgen. Ständiges Umziehen und die Ächtung durch seinen Vater bestimmten sein Leben.

Monumental

Eine Alltagsszene auf 2,30 x 1,50 m! Monet bricht bewusst die akademischen Regeln der Kunst des 19. Jahrhunderts: Denn Leinwände dieser Größe waren traditionell der Historienmalerei vorbehalten – Darstellungen religiöser, mythologischer oder historischer Ereignisse. Ein persönliches Bild in diesem Format – das war ungewöhnlich und für manchen provokant!

Rätselhafte Zeitung

Eine zusammengefaltete Zeitung liegt neben dem Gedeck des Familienvaters und Malers: Die Buchstaben „LE FI“ verweisen auf Le Figaro, die älteste Tageszeitung Frankreichs. Zugleich spielen die Buchstaben auf das französische Wort „le fils“ an – „der Sohn“. Monet platziert die Zeitung so im Bild, dass sie auf den zweijährigen Jean zu zeigen scheint: ein väterliches Bekenntnis für das uneheliche Kind!?

Leerer Platz

Wer soll hier Platz nehmen? Der leere, zurückgeschobene Stuhl markiert den Platz des Familienvaters – des Malers selbst: Sein Gedeck steht bereit, die Zeitung liegt griffbereit, seine Liebsten sind versammelt. Das autobiografische Kunstwerk ist um ein Paradox gebaut: Obwohl Monet sich nicht in sein Bild gemalt hat, vermittelt das Gemälde seine Präsenz.

Unehelich

Monets Freundin Camille Doncieux wendet sich liebevoll dem kleinen Jean zu, hinter ihr schließt eine Bedienstete den Wandschrank. Was unbeschwert erscheint, war in der Realität belastend: Claudes und Camilles gemeinsamer Sohn wurde 1867 unehelich geboren – eine Schande im 19. Jahrhundert! Ein „Bastard“ hatte qua Gesetz keinerlei Anspruch auf Alimente. Aller gesellschaftlicher Vorurteile und dem anhaltenden Druck seines Vaters zum Trotz verstieß Monet seinen Sohn nicht und heiratete Camille wenige Monate nach Fertigstellung des Gemäldes.

Besucherin

Eine Jacke aus schillerndem Stoff, eine Kopfbedeckung mit Gesichtsschleier, dazu dunkle Handschuhe: Die Frau trägt ein Nachmittagskleid, mit der sich eine Dame beim Ausgehen auf der Straße zeigte. Ans Fenster gelehnt, erinnert die “Besucherin“ im Familienbild an das Verhältnis von Draußen und Drinnen, von Öffentlichkeit und Privatheit, von Gesellschaft und Individuum.

Rollenbilder

Auf dem Stuhl ein Korb mit Nähzeug, darunter eine Puppe und ein Ball: Während die Alltagsgegenstände Mutter und Kind gehören, verweisen der Zylinder, die Bücher und die Leselampe auf der Kommode rechts im Hintergrund auf den Vater. Die beigefügten Dinge im Gemälde unterstreichen die traditionellen Rollenbilder der Familienmitglieder. Doch Monets Geliebte Camille, sein Sohn Jean und seine eigene Vaterrolle entsprachen nicht den bürgerlichen Normvorstellungen.

Claude Monet, Das Mittagessen, 1868/69
Öl auf Leinwand, 231,5 x 151,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V., erworben 1910, Inv.-Nr. SG 170, © Städel Museum, Frankfurt am Main

Aus Étretat nach Paris: 1870 bewirbt sich Monet mit dem Mittagessen bei der Jury des Salon – der jährlich stattfindenden, prestigeträchtigen Ausstellung der staatlichen Kunstakademie. Doch die Jury lehnt ab: Erst 1874 sollte Monet das Gemälde öffentlich präsentieren, im Rahmen der berühmten ersten Impressionisten-Ausstellung in Paris. Mit der selbstorganisierten Alternative zum Salon gaben Monet und seine Künstlerfreunde ihrer neuartigen Malerei eine öffentliche Plattform.

Ver­spotteter Impressio­nismus

Claude Monet, La Grenouillère, 1869
Öl auf Leinwand, 74,6 x 99,7 cm, Metropolitan Museum of Art, Inv. -Nr. 29.100.112, Wikimedia Commons
Claude Monet, Impression, Sonnenaufgang, 1872
Öl auf Leinwand, 48 x 63 cm, Musée Marmottan Monet, Paris, Wikimedia Commons
Henri Fantin-Latour, Atelier in Batignolles, 1870
Öl auf Leinwand, 204 x 273 cm, Musée d’Orsay, Paris, Wikimedia Commons
Detail: Auguste Renoir, Nach dem Mittagessen, 1879
Öl auf Leinwand, 100,5 x 81,3 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Inv.-Nr. SG 176, © Städel Museum, Frankfurt am Main
Édouard Manet, Die Eisenbahn, 1873
Öl auf Leinwand, 93,3 x 111,5 cm, National Gallery of Art, Washington, Wikimedia Commons

Ver­spotteter Impressio­nismus

Nicht nur Das Mittagessen scheiterte an der Jury des Pariser Salon, auch Monets erste Bilder in der impressionistischen Malweise wurden abgelehnt – zu „unfertig“, zu unkonventionell. Tatsächlich fand der Name „Impressionismus“ zunächst abschätzig Verwendung: Der Kunstkritiker Louis Leroy (1812–1885) nahm damit 1874 in einem Zeitungsbeitrag spöttisch auf den Titel von Monets Bild Impression, Sonnenaufgang Bezug, das er auf der ersten Impressionisten-Ausstellung gesehen hatte. Die beteiligten Künstler hatten sich lose um den etwas älteren Edouard Manet (1832–1883) gruppiert, malten, lasen und diskutierten gemeinsam, mit dem Ziel, eine zeitgemäße Kunst zu entwickeln. Ihre Bilder zeichneten sich nicht nur durch die neue Malweise, sondern auch durch ungewöhnliche Themen aus: Flüchtige Eindrücke des modernen Großstadt- und Freizeitlebens in einer sich industrialisierenden Welt.

„Der Impressionist ist ein moderner Maler, der (…) den in der Akademie erlernten Ansatz (Linie, Perspektive, Farbe) hinter sich lässt und durch unmittelbares Erleben und Sehen, ehrlich und klar, im Licht der freien Natur arbeitet.“

Jules Laforgue, Critique d’Art – L’impressionnisme, 1883

Wellen­brausen

Moderne Kunstformen und moderne Wege, der Küstenlandschaft zu begegnen: Wenige Monate nachdem Monet in Étretat erste impressionistische Pinselstriche gesetzt hatte, besucht sein Freund und späterer Trauzeuge Gustave Courbet (1819–1877) den einzigartigen Flecken am Ärmelkanal. Étretat wird erneut zum Ursprungsort von Gemälden, die Kunstgeschichte schreiben sollten.

Eine große, schäumende Welle im Moment des Brechens an der Küste, dahinter die Weite des Ozeans – im Sommer 1869 malt Gustave Courbet erste Versionen seiner einschlägigen Wogen-Bilder, angeblich während eines tosenden Sturms in Étretat.

Gustave Courbet, Die Woge, 1869
Öl auf Leinwand, 65,6 x 92,4 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Inv.-Nr. 1433, © Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.

Bedrohlich türmt sich die Welle vor den Betrachtern auf. Krachend und schäumend scheint sie am rechten Bildrand niederzubrechen. Schon die Zeitgenossen priesen Courbets Wogen für ihre eigentümliche Wucht und erkannten die Radikalität seiner Bilderfindung. Der schillernde Künstler war für seine originellen Ideen berühmt-berüchtigt und wusste sich öffentlich zu inszenieren.

Berühmt-berüchtigt

Gustave Courbet revolutionierte die Malerei – seine Gemälde brachen gezielt althergebrachte Normen und Sehgewohnheiten und prägten ganze Künstlergenerationen. Courbets Überzeugung, Kunst müsse aus der individuellen Sichtweise des Autors entstehen, spiegelt sich in seinen eigenwilligen Landschaftsbildern wider. Als anfänglicher Verfechter eines malerischen Realismus, war eine ungeschönte Kunst sein Ziel: Statt Helden und Heiligen zeigte er Landarbeiter und Mägde. Auch in politischer Hinsicht sorgte Courbet für Schlagzeilen: Kurz nach seinem Aufenthalt in Étretat beteiligte er sich an der Pariser Kommune, die sich während des Deutsch-Französischen Krieges 1870 gegen die deutschen Besatzer und die Herrschaft Kaiser Napoleons III. erhob. Vermutlich gehörte er zu den Initiatoren der Zerstörung der Siegessäule auf der Pariser Place Vendôme – einem Symbol der Monarchie.

Gustave Courbet, Le Désespéré (Der Verzweifelte), 1843-45
Öl auf Leinwand, 45 x 54 cm, Musée d'Orsay, Inv.-Nr. 272956, Wikimedia Commons
Gustave Courber, Steinhauer, 1849
Öl auf Leinwand, 45 x 54,5 cm, Privatsammlung, Wikimedia Commons

Heute lassen sich zahlreiche Varianten der Wogen in den Museen der Welt bestaunen. Doch die Kunstwerke geben Rätsel auf: Welche tiefere Bedeutung steckt hinter den Bildern des aufschäumenden Meereswassers?

Gustave Courbet, Stürmisches Meer, 1870
Öl auf Leinwand, 116,5 x 160 cm, Musée d'Orsay, Inv. FR 213 © bpk / GrandPalaisRmn
„La mer orageuse, Das stürmische Meer“ – so betitelt Courbet sein erstes Wellenbild aus Étretat, das er 1870 im Pariser Salon, der wichtigsten Kunstausstellung Frankreichs, präsentieren sollte. Dort löste es Begeisterungsstürme beim Publikum aus: Eine „mystische Tiefe“ und „wilde Realität“ bescheinigte man dem Kunstwerk.
Gustave Courbet, Brandungswogen mit drei Segelschiffen, nach 1870 (?)
Öl auf Leinwand, 51 x 66,6 cm, Privatbesitz, © Guenter Maniewski
Nach dem Erfolg malt Courbet mehrere Varianten. In diesem Gemälde schwindet die Präsenz des Menschengemachten: Nur ein winziges Segelboot lässt sich zwischen Wolkenmasse und Wellenmeer am Horizont erahnen. Viele Zeitgenossen sahen in Courbets Wogen Darstellungen unbändiger Naturkräfte.
Gustave Courbet, Brandungswelle, um 1869/70
Öl auf Leinwand, 67,2 x 107 cm, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, erworben 1905, Inv.-Nr. 295-1905/16, © Kunsthalle Bremen − Lars Lohrisch – ARTOTHEK
Ein äußerst unkonventionelles Landschaftsbild! Eine brechende Welle als monströse Erscheinung, gestaltet aus einer dicken, „fühlbaren“ Schicht Farbe. Courbet wollte eine gewisse Erfahrungsintensität über seine Bilder vermitteln: Er selbst bezeichnete die Malerei als „körperliche Kunst“.
Gustave Courbet; Die Woge, um 1869/70
Öl auf Leinwand, 65,8 x 90,5 cm, Musée des Beaux-Arts de Lyon, erworben 1881, Inv.-Nr. B 295 © Lyon MBA – Foto: Alain Basset
Als habe die Welle ein wütendes Gesicht… Wiederholt hat man die Wogen-Bilder Courbets als Vision eines nahenden politischen Umsturzes gedeutet. Der Kunstkritiker Jules Castagnary (1830–1888) schrieb rückblickend: „Die Demokratie erhob sich, wie eine sich auftürmende Woge.“ Der Dichter Victor Hugo – von Kaiser Napoleon III. ins Exil verbannt – nutzte das Sinnbild des tosenden Meeres bereits 1853, um die aufbrausende Kraft der zur Freiheit drängenden Bevölkerung zu beschreiben.
Gustave Courbet, Die Welle. Stürmisches Wetter, um 1869/70
Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm, Privatsammlung, Courtesy Privatsammlung
Jedes einzelne der Wogen-Bilder stellt die Betrachter vor Herausforderungen: Schauen wir aus der Vogel- oder Froschperspektive auf die Szene? Rollt die Welle auf uns zu, oder zieht sie sich zurück? Und bändigt der Maler das Meer, in dem er es monumental verharren lässt, oder zaubert er doch eine wilde Bewegtheit auf die Leinwand? Courbet testet die Sehgewohnheiten und geht an die Grenzen der Darstellbarkeit: eine gewagte, damals hochmoderne Kunst!

Wellen aus der Ferne

Eine überwältigende Meereswelle als Hauptmotiv eines Bildes: Anregung dazu könnte Courbet aus Japan erhalten haben. Mit dem einschlägigen Farbholzschnitt Die Große Welle vor Kanagawa von Katsushika Hokusai (1760–1849) war er wohl vertraut. Denn Mitte des 19. Jahrhunderts begannen Druckgrafiken der so genannten Ukiyo-e-Kunst in Paris zu kursieren und begeisterten viele europäische Künstler. Claude Monet erwarb ab den 1860er Jahren Hunderte japanische Grafiken für seine eigene Kunstsammlung.

Katsushika Hokusai, Die große Welle vor Kanagawa, ca. 1831
Farbholzschnitt, Wikimedia Commons

„Du kannst vergeblich nach einem Tropfen Wasser in [Courbets] versteinerten Ozean suchen. Wenn man irgendeinen beliebigen Ausschnitt (…) jemandem zeigte (…) würde er ihn für ein Stück einer Mauer halten.“

Paul de Saint-Victor, Salon de 1870, 1870

Flüssiges und Festes in einem Bild: Courbets Wellen können statisch erscheinen, als seien Zeit und Materie unter der Hand des Künstlers „eingefroren“. Um die Farbe aufzutragen, nutzte Courbet neben dem Pinsel, auch ein Palettmesser, eine Art Malspachtel. Seine Gemälde sind oft von einer regelrechten Farbkruste bedeckt.

Courbets Wogen-Bilder beeindruckten Claude Monet. Einige Jahre nach dem Tod seines Freundes entwirft er eine Reihe eigener Darstellungen heranrollender Wellen und antwortet auf Courbets Wucht mit impressionistischer Leichtigkeit. Reizvoll erscheinen kontrastierende Ocker- und Blautöne im Gemälde. Den Strand oder Küstenstreifen spart Monet aus: Das Bild ist ganz auf die Bewegung von Brandung und Wolken fokussiert – effektvoll übersetzt in schwungvolle Pinselzüge.

Claude Monet, Raue See, 1881
Öl auf Leinwand, 60 x 73.7 cm, National Gallery of Canada, Ottawa, © MBAC

Un­gewohnte Mal­weisen

Monets und Courbets unkonventionelle Kunst erregten im 19. Jahrhundert die Gemüter. Ihre jeweiligen Maltechniken wichen deutlich vom traditionellen Umgang mit Farbe und Pinsel ab. Darauf reagierten die damaligen Medien mit spöttischen Karikaturen. So erscheint Courbet als Exzentriker mit Palette und Maurerspachtel, Monet hingegen als wirrköpfiger Malermeister, der die Leinwand mit einem großen Besen bearbeitet. Vielen zeitgenössischen Kunstbetrachtern entging das Ziel beider Künstler: Durch ihren freieren Einsatz der Ölfarbe wollten sie die Sinne der Betrachter unmittelbar ansprechen und so eine neue, zeitgemäße Wirkmacht ihrer Bilder erzeugen.

André Gill, Karikatur G. Courbet, aus „Nouveau Panthéon charivarique“, 1867
Lithographie, Darstellung: 23,5 x 19,8 cm, Blatt: 43,9 x 30,9 cm, Kunsthalle Bremen, Inv.-Nr. 1975/2, © Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen, Foto: Die Kulturgutscanner, Public Domain Mark 1.0
Karikatur mit Besen, aus der Satirezeitschrift „Le Charivari“, 20. April 1879
"Nouvelle École. – Peinture indepéndant. Indépendante de leur volonté. Espérons le pour eux", Quelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France

Courbet hatte mit seinen Wogen Neues gewagt – Monet tut es ihm nach. In seinem Bild Raue See von 1881 verwandelt er das Bildmotiv der Wellen in ein Meer aus lebendigen Pinselstrichen in Blau- Grün- und Weißtönen. Die heranrollenden, schäumenden Wellen nehmen den Großteil der Bildfläche ein, weisen über diese hinaus und vermitteln die Unfassbarkeit unaufhörlicher Bewegung und Weite.

Claude Monet, Raue See, 1881
Öl auf Leinwand, 59,7 × 81,3 cm, Fine Arts Museums of San Francisco, Legion of Honor, gift of Prentis Cobb Hale, 1970, Inv.-Nr. 1970.10 © Randy Dodson, courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Meeres­rauschen

Victor Hugo, Zeichnung zu „Les Travailleurs de la mer“, 1864-1866
Sepia auf Papier, 358 x 258mm, Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France. Département des Manuscrits. NAF 24745 (dessins). F. 382
Titelseite: Jules Verne, „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“, 1871
Quelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France
Titelseite: Victor Hugo, „Die Arbeiter des Meeres“, 1866
Titelseite: Jules Michelet, „La mer“, 1861
Victor Hugo, Zeichnung, Ma destinée, 1857
Feder, Lavis, Tinte, Gouache auf Papier, ca. 17,2 × 26,4 cm, Maison de Victor Hugo - Hauteville House, Wikimedia Commons

Meeres­rauschen

Ob als Schauplatz einer Geschichte oder als Sinnbild der Unendlichkeit und inneren Seelenreise – das Meer war im 19. Jahrhundert auch unter französischen Dichtern, Schriftstellern und Intellektuellen en vogue. Bis heute ist beispielsweise das Abenteuer 20.000 Meilen unter dem Meer (1870) von Jules Verne (1828–1905) berühmt, aber auch Victor Hugos einschlägige Meeresgedichte und sein Roman Die Arbeiter des Meeres (1866) gehören zu den Klassikern der Literaturgeschichte. La Mer (1861) des einflussreichen Historikers Jules Michelet (1798–1874) deckt viele Aspekte der damaligen Faszination ab – von der Beschaffenheit des Wassers und der Wellen, dem Ökosystem des Ozeans, der Menschen und Kulturen der Küsten, bis hin zur Bedeutung des Meeres für unsere Vorstellungskraft.

„Das Moderne in der heutigen Kunst ist das Vorübergehende, das Flüchtige, das Zufällige: die eine Hälfte der Kunst. Das Ewige und Unbewegliche macht die andere Hälfte aus.“

Charles Baudelaire, Le Peintre de la vie moderne, 1863
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