Raue Schönheit
Der Strand eines charmanten Fischerdorfes, gerahmt von einzigartigen Felsen: Was Claude Monets Gemälde in der hellen Farbigkeit und lockeren Malweise des Impressionismus zeigt, hatte bereits Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Besucher von Étretat begeistert.
Monet schildert 1883 hübsche, bunte Fischerboote vor dem Hintergrund der Porte d’Amont. Schon damals vergleicht der Schriftsteller Guy de Maupassant (1850–1893) den mehrfach gewölbten Felsbogen nordwestlich von Étretat mit einem „riesigen Elefanten, der aus dem Meer trinkt.“
Mehrere Künstlergenerationen waren von den mächtigen Kreidefelsen fasziniert: Knapp 100 Jahre vor der Entstehung von Monets Gemälde hatten erste Maler ihren Weg in das abgeschiedene Küstendorf gefunden. Die frühesten Darstellungen Étretats kündigen Ende des 18. Jahrhunderts einen kulturellen Wandel an: Die Naturerfahrung – das Staunen angesichts landschaftlicher Schönheit – entwickelte sich zum Motor der Kunst.
„Es drängte mich, (…) die Kunstwerke der Natur anzustaunen.“
Schöner Felsen
Als habe der Künstler Alexandre Jean Noël (1752–1843) mit Blick auf die majestätische Porte d’Aval südöstlich von Étretat spontan innegehalten und geschwelgt: Die Zeichnung von 1786 verrät ein großes Interesse für die Beschaffenheit der Felsformationen und die Schönheit der Küstenlandschaft.
Erste Darstellung
Noëls Zeichnung gilt als erste bekannte Darstellung der Bucht von Étretat. In den 1780er Jahren war das kleine Fischerdorf noch weitestgehend unbekannt. Die raue Küste des Nordens hatte jahrhundertelang als furchterregend gegolten.
Austernbecken
Vor dem Felsen der Porte d’Aval lassen sich Austernbecken erkennen. Die Muschel-Delikatessen wurden in Étretat über Monate geschmacksveredelt und mit dem Pferd über Nacht nach Paris geliefert. Tatsächlich wurde die Zeichnung von einem Austernhändler zu Werbezwecken in Auftrag gegeben. Vor der Französischen Revolution verbreitete er die Legende, seine Meeresfrüchte würden von Marie-Antoinette persönlich verspeist.
Welt im Umbruch
Eine Zeit enormer Umbrüche: Im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderte die Industrielle Revolution die gesellschaftlichen Strukturen Europas grundlegend. Während Wissenschaft und Technisierung viele Bereiche des Lebens umwälzten, begann man die entlegenen Regionen des Kontinents zu bereisen und zu vermessen. Gleichzeitig wuchs der Wunsch, den neuen industrialisierten Realitäten zu entkommen: Die individuelle Kultur- und Naturerfahrung wurde zunehmend zum Moment des Träumens, Entfliehens und der Erholung. Frankreich war währenddessen politisch tief gespalten. Seit der Französischen Revolution standen republikanische und pro-demokratische Kräfte den Befürwortern der Monarchie gegenüber. Mehrfach kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Umstürzen. Besonders die Herrschaft Napoleons III von 1852 bis 1870 bedeutete die Rückkehr einer autoritären, monarchischen Staatsordnung.
Begeisterte Blicke
Steile Klippen und ein tosender Ozean – das Naturspektakel zieht ab den 1820er Jahren Künstler aus ganz Europa nach Étretat. Die atemberaubende Küste trifft den Nerv der Zeit und inspiriert zum Staunen, Schaudern und zur künstlerischen Wiedergabe.
Malerische Reisen
Malerische Reisen
Reiseführer verlieren im Digitalzeitalter an Bedeutung – im 19. Jahrhundert erreichten sie überhaupt erst ihre moderne Form. Großangelegte Publikationen wie die Voyages pittoresques (franz. etwa „Malerische Reisen“) versammelten ab den 1820er Jahren die Sehenswürdigkeiten Frankreichs. Auch weithin unbekannte Orte der Normandie wurden so als Bildungs- und Reiseziele entdeckt. Immer mehr Menschen, die es sich finanziell und zeitlich leisten konnten, begeisterten sich für die Kulturgeschichte und Naturschönheit der entlegenen Winkel Europas. 1835 reist beispielsweise der berühmte Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Juliette Drouet (1806–1883), aus Paris nach Étretat – der Strapaze einer damals zweitägigen Reise mit der Postkutsche zum Trotz!
„Was ich in Étretat gesehen habe, ist bewundernswert. (…) Das [Felsgefüge] ist die gigantischste Architektur, die es gibt.“
Er gilt als der „Entdecker“ von Étretat: Der romantische Marinemaler Eugène Isabey (1803–1886) ist der erste Künstler, der sich um 1820 länger im Küstendorf aufgehalten und bei einem ehemaligen Kapitän gewohnt haben soll. Der hocherfolgreiche Maler trug entscheidend zur wachsenden Beliebtheit des Küstenortes bei.
„Einer der ersten Fremden, die diese Gegend besuchte, war zweifellos Monsieur Isabey, der berühmte Marinemaler.“
Marinemaler
Eugène Isabeys Erfolg war immens: Während der Julimonarchie (1830–1848) wurde er als Hofmaler von König Louis-Philippe I. mit allen staatlichen Ehren ausgezeichnet. Sein Fokus auf die Marinemalerei – auf Darstellungen von Schiffen, Küstenfelsen und dem offenen Meer – war ihm in die Wiege gelegt. Denn schon sein Vater galt als einflussreicher Künstler und Landschaftsillustrator. Meer und Küste sowie die Darstellung fremder Länder und Kulturen waren damals besonders beliebte Motive. Die kulturelle Faszination ging mit politischen Realitäten einher: Das Bestreben nach Expansion und Imperialismus befeuerte die französische Außenpolitik. Auch Eugène Isabey begleitete 1830 den französischen Eroberungskrieg im heutigen Algerien. Seine Darstellung der Landung der Truppen auf der Halbinsel Sidi-Fredj dokumentiert den historischen Beginn der brutalen französischen Kolonialherrschaft in Nordafrika.
Große Küsten- und Meeresbilder – dafür war Isabey bekannt. Seine romantischen Gemälde sind voller Pathos und Dramatik. Die Kunst der Romantik spiegelt das menschliche Erschauern angesichts gewaltiger Naturkräfte.
Staunen und Schaudern
Staunen und Schaudern
Geheimnisvolle, uralte Felsen und die großen Weite des Ozeans: Gemälde der Romantik vermitteln häufig das Gefühl der Unermesslichkeit. Davon waren Philosophen, Schriftsteller und Künstler bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts fasziniert. Mit dem Begriff des „Sublimen“ oder „Erhabenen“ beschrieben sie die Anmutung von etwas Großem, das die Grenzen des Gewohnten und Begreifbaren übersteigt und ein lustvolles Erschauern auslöst. Einflussreiche Denker – von Edmund Burke, über Immanuel Kant und Friedrich Schiller – waren sich einig: Der intensive Schauder des Erhabenen verhelfe dem Menschen erst, sich seiner Bestimmung in der Welt bewusst zu werden.
„Die Wunder der kecken Kunst, die das Meer hier, den Fels zerreissend, geschaffen hatte, erschütterten meine Seele.“
Ehrfürchtige Blicke auf die Felsen am Meer: Unter Eugène Isabeys zahlreichen Étretat-Bildern beeindrucken seine feinen Aquarelle. Mit tastendem, forschendem Blick umkreist der Künstler die Gesteinsformationen und vermittelt seine Begeisterung für die Geheimnisse der sichtbaren Welt.
Erdzeitgeschichte
Zwischen 75 und 84 Metern Höhe erreichen die Felsen von Étretat! Vor etwa 90 Millionen Jahren, in der mittleren Kreidezeit, entstanden sie aus der Ablagerung von Meeresorganismen: Bänder aus hartem Feuerstein ziehen sich durch die weichen Kalksteinwände. Tektonische Kräfte – Bewegungen der Erdoberfläche – hoben die Steilküste der Normandie vor etwa zwei Millionen Jahren an. Die einzigartigen Felsformationen entstanden durch das Zusammenwirken mehrerer Prozesse: Vom Aufprall sedimenthaltiger Wellen, über plötzliche Temperaturschwankungen bis hin zur zerklüftenden Erosion der Klippen. Ihr Aussehen und ihre geologischen und erdzeitlichen Ursprünge fesselten im 19. Jahrhundert nicht nur die Künstler, sondern auch die Welt der Wissenschaft: So fanden die Felsen in zahlreichen Sachbüchern Erwähnung und beschäftigten die aufkommenden Disziplinen der Geologie und Mineralogie.
Mit Bewunderung und Wissensdrang begegnen Künstler der einzigartigen Küstenlandschaft: Der deutsche Maler Johann Wilhelm Schirmer (1807–1863) gestaltet 1836 in Ölfarbe Studien der Felsenküste von Étretat. Seine Bilder vereinen die genaue Beobachtung mit einer romantischen Überhöhung des Gesehenen. Ihrer aufwühlenden Sogwirkung kann man sich bis heute kaum entziehen.
Romantiker
Johann Schirmer war immer auf der Suche nach beeindruckenden Landschaften. Gerade in seiner Zeit als Hilfslehrer – bevor er 1839 zum Professor der Düsseldorfer Kunstakademie berufen wurde – reiste er ausgiebig quer durch Europa: so auch 1836 von den Berner Alpen bis nach Étretat und wieder zurück. Schirmer nutzte das Freilichtstudium, das Zeichnen und Skizzieren mit Ölfarben und Aquarell im Freien, um unmittelbar den Natureindruck einzufangen.
Seine Studien kamen beim Unterrichten von Studenten zum Einsatz und dienten als Vorlagen für seine monumentalen Landschaftsbilder. Schirmers opulente Kunst fand auch in Frankreich Anklang: 1838 erhielt er die Goldmedaille des Salons der Pariser Kunstakademie, der damals wohl wichtigsten Kunstschau Europas.
„Étretat ist eine unerschöpfliche Goldmine der Malerei. Es ist ein wahres Kalifornien, das die Alben der Künstler füllt.“
Selbst die bekanntesten Künstler der Zeit zieht es nach Étretat: In den 1840er Jahren zeichnet der einflussreiche französische Maler Eugène Delacroix (1798–1863) – ein Freund Eugène Isabeys – vor den Felstoren. Seine Aquarellstudie der Porte d’Aval übersetzt den Natureindruck in eine prozesshafte, moderne Zeichenkunst.
Erst der Zusammenklang der Farben erzeugt die dichte Atmosphäre der Landschaftsstudie: Die abwechslungsreich gesetzten Pinselstriche betonen die individuelle, „gefühlte“ Wahrnehmung der Abendstimmung. Eugène Delacroixs Zeichnung sollte auch Claude Monet begeistern. Nach 1891 erwirbt er das Blatt für seine eigene Kunstsammlung. In der Studie seines Vorgängers mag er eine Vorahnung der Malweise des Impressionismus gesehen haben.
„Ich bin verrückt nach Küste und Meer.“