Raue Schönheit

Der Strand eines charmanten Fischerdorfes, gerahmt von einzigartigen Felsen: Was Claude Monets Gemälde in der hellen Farbigkeit und lockeren Malweise des Impressionismus zeigt, hatte bereits Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Besucher von Étretat begeistert.

Monet schildert 1883 hübsche, bunte Fischerboote vor dem Hintergrund der Porte d’Amont. Schon damals vergleicht der Schriftsteller Guy de Maupassant (1850–1893) den mehrfach gewölbten Felsbogen nordwestlich von Étretat mit einem „riesigen Elefanten, der aus dem Meer trinkt.“

Paul Gaillard, Étretat. Die Porte d'Amont, um 1855
Abzug auf Albuminpapier, 16,1 x 13,4 cm (Abzug), 31 x 23,5 cm (Trägerkarton), Bibliothèque nationale de France, Paris, Département des Estampes et de la Photographie, Inv.-Nr. EO-83-BOITE FOL A, © Bibliothèque nationale de France
Claude Monet, Schiffe am Strand von Étretat, 1883
Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm, Fondation Bemberg, Toulouse, Inv.-Nr. 2077, © 2023 Fondation Bemberg / Mathieu Lombard

Mehrere Künstlergenerationen waren von den mächtigen Kreidefelsen fasziniert: Knapp 100 Jahre vor der Entstehung von Monets Gemälde hatten erste Maler ihren Weg in das abgeschiedene Küstendorf gefunden. Die frühesten Darstellungen Étretats kündigen Ende des 18. Jahrhunderts einen kulturellen Wandel an: Die Naturerfahrung – das Staunen angesichts landschaftlicher Schönheit – entwickelte sich zum Motor der Kunst.

„Es drängte mich, (…) die Kunstwerke der Natur anzustaunen.“

Jakob Venedey, Reise- und Rasttage in der Normandie, 1838

Schöner Felsen

Als habe der Künstler Alexandre Jean Noël (1752–1843) mit Blick auf die majestätische Porte d’Aval südöstlich von Étretat spontan innegehalten und geschwelgt: Die Zeichnung von 1786 verrät ein großes Interesse für die Beschaffenheit der Felsformationen und die Schönheit der Küstenlandschaft.

Erste Darstellung

Noëls Zeichnung gilt als erste bekannte Darstellung der Bucht von Étretat. In den 1780er Jahren war das kleine Fischerdorf noch weitestgehend unbekannt. Die raue Küste des Nordens hatte jahrhundertelang als furchterregend gegolten.

Austernbecken

Vor dem Felsen der Porte d’Aval lassen sich Austernbecken erkennen. Die Muschel-Delikatessen wurden in Étretat über Monate geschmacksveredelt und mit dem Pferd über Nacht nach Paris geliefert. Tatsächlich wurde die Zeichnung von einem Austernhändler zu Werbezwecken in Auftrag gegeben. Vor der Französischen Revolution verbreitete er die Legende, seine Meeresfrüchte würden von Marie-Antoinette persönlich verspeist.

Alexandre Jean Noël, Étretat. Blick auf die Austernparks, um 1786
Bleistift und Aquarell auf Papier, 17,5 x 38,7 cm, Frits Lugt Collection, Fondation Custodia, Paris, erworben 2008, Inv.-Nr. 2008-T.38 © Fondation Custodia

Welt im Umbruch

Eine Zeit enormer Umbrüche: Im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderte die Industrielle Revolution die gesellschaftlichen Strukturen Europas grundlegend. Während Wissenschaft und Technisierung viele Bereiche des Lebens umwälzten, begann man die entlegenen Regionen des Kontinents zu bereisen und zu vermessen. Gleichzeitig wuchs der Wunsch, den neuen industrialisierten Realitäten zu entkommen: Die individuelle Kultur- und Naturerfahrung wurde zunehmend zum Moment des Träumens, Entfliehens und der Erholung. Frankreich war währenddessen politisch tief gespalten. Seit der Französischen Revolution standen republikanische und pro-demokratische Kräfte den Befürwortern der Monarchie gegenüber. Mehrfach kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Umstürzen. Besonders die Herrschaft Napoleons III von 1852 bis 1870 bedeutete die Rückkehr einer autoritären, monarchischen Staatsordnung.

Begeisterte Blicke

Steile Klippen und ein tosender Ozean – das Naturspektakel zieht ab den 1820er Jahren Künstler aus ganz Europa nach Étretat. Die atemberaubende Küste trifft den Nerv der Zeit und inspiriert zum Staunen, Schaudern und zur künstlerischen Wiedergabe.

Malerische Reisen

Horace Vernet, Der Strand von Étretat mit der Porte d’Aval, Seite aus einem Skizzenbuch, um 1819
Bleistift auf Papier, 20 x 26 cm, Privatsammlung © Christophe Fouin
Titelseite von: Charles Nodier, Voyages pittoresques et romantiques dans l'ancienne France. Ancienne Normandie, 1825
Die Felsen von Etretat an der normännischen Küste, Abbildung 195 aus: Meyer’s Universum, 1838
Joseph Meyer, Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Bd. 5, Wikimedia Commons
Friedrich Salathé, Étretat, Ansicht von der Küste, aus: „Excursion sur les côtes et dans les ports de Normandie“, 1825
Aquatintaradierung nach Lutringshausen, J.F. Osterwald, Excursion sur les côtes et dans les ports de Normandie, 1823-1825
Victor Hugo, Zeichnung von Étretat. Südliche Klippen (Die Porte d’Aval und die Aiguille), 1835
Bleistift auf Papier, 15,5 x 8,7 cm, Reisetagebuch 25.7- 15.8.1835, folio 17 recto, Maison de Victor Hugo, Paris, Don de Paule Langlois-Berthelot, 1973, Inv.-Nr. 990, CC0 Paris Musées / Maisons de Victor Hugo, Paris und Guernsey

Malerische Reisen

Reiseführer verlieren im Digitalzeitalter an Bedeutung – im 19. Jahrhundert erreichten sie überhaupt erst ihre moderne Form. Großangelegte Publikationen wie die Voyages pittoresques (franz. etwa „Malerische Reisen“) versammelten ab den 1820er Jahren die Sehenswürdigkeiten Frankreichs. Auch weithin unbekannte Orte der Normandie wurden so als Bildungs- und Reiseziele entdeckt. Immer mehr Menschen, die es sich finanziell und zeitlich leisten konnten, begeisterten sich für die Kulturgeschichte und Naturschönheit der entlegenen Winkel Europas. 1835 reist beispielsweise der berühmte Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Juliette Drouet (1806–1883), aus Paris nach Étretat – der Strapaze einer damals zweitägigen Reise mit der Postkutsche zum Trotz!

„Was ich in Étretat gesehen habe, ist bewundernswert. (…) Das [Felsgefüge] ist die gigantischste Architektur, die es gibt.“

Victor Hugo, Brief an Adèle Hugo, 10. August 1835

Er gilt als der „Entdecker“ von Étretat: Der romantische Marinemaler Eugène Isabey (1803–1886) ist der erste Künstler, der sich um 1820 länger im Küstendorf aufgehalten und bei einem ehemaligen Kapitän gewohnt haben soll. Der hocherfolgreiche Maler trug entscheidend zur wachsenden Beliebtheit des Küstenortes bei.

Eugène Isabey, Étretat. Der Strand und die Porte d’Amont, , um 1840–1855
Aquarell und Gouache auf Papier, 22,8 × 33,5 cm, Privatsammlung, © Lyon MBA, Foto: Alberto Ricci

„Einer der ersten Fremden, die diese Gegend besuchte, war zweifellos Monsieur Isabey, der berühmte Marinemaler.“

Gustave Nicole, Sur la plage. Étretat, 1861

Marine­maler

Eugène Isabeys Erfolg war immens: Während der Julimonarchie (1830–1848) wurde er als Hofmaler von König Louis-Philippe I. mit allen staatlichen Ehren ausgezeichnet. Sein Fokus auf die Marinemalerei – auf Darstellungen von Schiffen, Küstenfelsen und dem offenen Meer – war ihm in die Wiege gelegt. Denn schon sein Vater galt als einflussreicher Künstler und Landschaftsillustrator. Meer und Küste sowie die Darstellung fremder Länder und Kulturen waren damals besonders beliebte Motive. Die kulturelle Faszination ging mit politischen Realitäten einher: Das Bestreben nach Expansion und Imperialismus befeuerte die französische Außenpolitik. Auch Eugène Isabey begleitete 1830 den französischen Eroberungskrieg im heutigen Algerien. Seine Darstellung der Landung der Truppen auf der Halbinsel Sidi-Fredj dokumentiert den historischen Beginn der brutalen französischen Kolonialherrschaft in Nordafrika.

Eugène Isabey, Blick auf die Festung Bertheaume, 1850
Öl auf Papier, auf Leinwand aufgezogen, 30,3 x 63,3 cm, Foundation Custodia, Collection Frits Lugt, Paris, Inv. 2011-s.1, Wikimedia Commons
Eugène Isabey, Landung der französischen Truppen auf der Halbinsel Sidi-Fredj, 1830
Lithografie aus: Baron Denniée, Précis historique et administratif de la campagne d'Afrique, Paris 1830, Abb. 4, Quelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France

Große Küsten- und Meeresbilder – dafür war Isabey bekannt. Seine romantischen Gemälde sind voller Pathos und Dramatik. Die Kunst der Romantik spiegelt das menschliche Erschauern angesichts gewaltiger Naturkräfte.

Eugène Isabey, Sturm am Strand von Étretat in der Normandie, 1851
Öl auf Leinwand, 62,7 x 91 cm, Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK-1296, © Hamburger Kunsthalle, Foto: Elke Walford

Staunen und Schaudern

Paul Flandrin, Klippe am Meer, um 1863-1868
Öl auf Papier, aufgezogen auf Leinwand, 27 × 38,5 cm, Privatsammlung, Courtesy Concorde Fine Arts
Anselm Feuerbach, Das Felsentor Manneporte bei Étretat, 1869
Niedersächsisches Landesmuseum Hannover © Landesmuseum Hannover – ARTOTHEK
Johann Wilhelm Schirmer, Am Strand von Étretat, um 1836
Aquarell auf Papier, 11 x 21,2 cm, Museum Zitadelle Jülich, Landschaftsgalerie, Inv.-Nr. 2021-0565 © Museum Zitadelle Jülich – Landschaftsgalerie − Foto: Bernhard Dautzenberg

Staunen und Schaudern

Geheimnisvolle, uralte Felsen und die großen Weite des Ozeans: Gemälde der Romantik vermitteln häufig das Gefühl der Unermesslichkeit. Davon waren Philosophen, Schriftsteller und Künstler bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts fasziniert. Mit dem Begriff des „Sublimen“ oder „Erhabenen“ beschrieben sie die Anmutung von etwas Großem, das die Grenzen des Gewohnten und Begreifbaren übersteigt und ein lustvolles Erschauern auslöst. Einflussreiche Denker – von Edmund Burke, über Immanuel Kant und Friedrich Schiller – waren sich einig: Der intensive Schauder des Erhabenen verhelfe dem Menschen erst, sich seiner Bestimmung in der Welt bewusst zu werden.

„Die Wunder der kecken Kunst, die das Meer hier, den Fels zerreissend, geschaffen hatte, erschütterten meine Seele.“

Jakob Venedey, Reise- und Rasttage in der Normandie, 1838

Ehrfürchtige Blicke auf die Felsen am Meer: Unter Eugène Isabeys zahlreichen Étretat-Bildern beeindrucken seine feinen Aquarelle. Mit tastendem, forschendem Blick umkreist der Künstler die Gesteinsformationen und vermittelt seine Begeisterung für die Geheimnisse der sichtbaren Welt.

Eugène Isabey, Blick vom Strand auf die Felsen von Étretat, um 1830-1850
Bleistift, Aquarell und Gouache auf Papier, 25 x 33,6 cm, Privatsammlung, Courtesy Galerie Paul Prouté
Eugène Isabey, Étretat. Die Porte d'Amont, um 1851
Bleistift, Aquarell und Gouache auf Papier, 24,2 × 33,5 cm, Musée du Louvre, Paris, Département des Arts graphiques, erworben 1864, Inv.-Nr. MI 976, © bpk / GrandPalaisRmn / Thierry Le Mage

Erdzeit­geschichte

Zwischen 75 und 84 Metern Höhe erreichen die Felsen von Étretat! Vor etwa 90 Millionen Jahren, in der mittleren Kreidezeit, entstanden sie aus der Ablagerung von Meeresorganismen: Bänder aus hartem Feuerstein ziehen sich durch die weichen Kalksteinwände. Tektonische Kräfte – Bewegungen der Erdoberfläche – hoben die Steilküste der Normandie vor etwa zwei Millionen Jahren an. Die einzigartigen Felsformationen entstanden durch das Zusammenwirken mehrerer Prozesse: Vom Aufprall sedimenthaltiger Wellen, über plötzliche Temperaturschwankungen bis hin zur zerklüftenden Erosion der Klippen. Ihr Aussehen und ihre geologischen und erdzeitlichen Ursprünge fesselten im 19. Jahrhundert nicht nur die Künstler, sondern auch die Welt der Wissenschaft: So fanden die Felsen in zahlreichen Sachbüchern Erwähnung und beschäftigten die aufkommenden Disziplinen der Geologie und Mineralogie.

Titelblatt von: Karl Cäsar Leonhard, Geologie oder Naturgeschichte der Erde, 1836

Mit Bewunderung und Wissensdrang begegnen Künstler der einzigartigen Küstenlandschaft: Der deutsche Maler Johann Wilhelm Schirmer (1807–1863) gestaltet 1836 in Ölfarbe Studien der Felsenküste von Étretat. Seine Bilder vereinen die genaue Beobachtung mit einer romantischen Überhöhung des Gesehenen. Ihrer aufwühlenden Sogwirkung kann man sich bis heute kaum entziehen.

Johann Wilhelm Schirmer, Felsküste bei Étretat, 1836
Öl auf Leinwand, auf Pappe aufgezogen, 40,8 x 31,8 cm, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Dauerleihgabe der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Inv.-Nr. Lg 1740 © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Johann Wilhelm Schirmer, Meeresstudie bei Étretat (mit Felsküste zur Linken), 1836
Öl auf Leinwand, auf Pappe aufgezogen, 32,2 x 41,9 cm, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Dauerleihgabe der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Inv.-Nr. Lg 1741 © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Romantiker

Johann Schirmer war immer auf der Suche nach beeindruckenden Landschaften. Gerade in seiner Zeit als Hilfslehrer – bevor er 1839 zum Professor der Düsseldorfer Kunstakademie berufen wurde – reiste er ausgiebig quer durch Europa: so auch 1836 von den Berner Alpen bis nach Étretat und wieder zurück. Schirmer nutzte das Freilichtstudium, das Zeichnen und Skizzieren mit Ölfarben und Aquarell im Freien, um unmittelbar den Natureindruck einzufangen.

Seine Studien kamen beim Unterrichten von Studenten zum Einsatz und dienten als Vorlagen für seine monumentalen Landschaftsbilder. Schirmers opulente Kunst fand auch in Frankreich Anklang: 1838 erhielt er die Goldmedaille des Salons der Pariser Kunstakademie, der damals wohl wichtigsten Kunstschau Europas.

Johann Wilhelm Schirmer, Via Mala, oben die steinerne Brücke, 19. Jahrhundert
Schwarze Kreide auf Papier, 410 x 530 mm, Graphische Sammlung, Städel Museum, Public Domain
Johann Wilhelm Schirmer, Das Wetterhorn, ca. 1837/38
Öl auf Leinwand, 53 x 50 cm, Städel Museum, Inv. Nr. 1187, Gemeinfrei

„Étretat ist eine unerschöpfliche Goldmine der Malerei. Es ist ein wahres Kalifornien, das die Alben der Künstler füllt.“

Abbé Cochet, Étretat. Son passé, son présent, son avenir, 1850

Selbst die bekanntesten Künstler der Zeit zieht es nach Étretat: In den 1840er Jahren zeichnet der einflussreiche französische Maler Eugène Delacroix (1798–1863) – ein Freund Eugène Isabeys – vor den Felstoren. Seine Aquarellstudie der Porte d’Aval übersetzt den Natureindruck in eine prozesshafte, moderne Zeichenkunst.

Erst der Zusammenklang der Farben erzeugt die dichte Atmosphäre der Landschaftsstudie: Die abwechslungsreich gesetzten Pinselstriche betonen die individuelle, „gefühlte“ Wahrnehmung der Abendstimmung. Eugène Delacroixs Zeichnung sollte auch Claude Monet begeistern. Nach 1891 erwirbt er das Blatt für seine eigene Kunstsammlung. In der Studie seines Vorgängers mag er eine Vorahnung der Malweise des Impressionismus gesehen haben.

Eugène Delacroix, Étretat, Die Porte d’Aval, ca. 1840 oder 1846
Bleistift, Aquarell und Gouache auf Papier, 15 x 20 cm, Musée Marmottan Monet, Paris Vermächtnis von Michel Monet, 1966. Inv. 5053 © Musée Marmottan Monet

„Ich bin verrückt nach Küste und Meer.“

Eugène Delacroix, Brief an J.B. Pierret, 1. August 1825
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